„Wohnen! in Berliner Ausstellungen“ (Teil 2): Mietskaserne und die DDR-Platte – von Nicole Guether

Wie wohnte man um die Jahrhundertwende und in der DDR?1 Zwei Wohnungen, zwei Epochen, ein Stück Berliner Alltagsgeschichte: Das Wohnungsmuseum in Prenzlauer Berg lässt die Mietskaserne um 1900 nachempfinden und in Hellersdorf kann man in einer WBS-70-Plattenbauwohnung eine Zeitreise machen. Beide Ausstellungen verzichten weitgehend auf die gängige museale Präsentation und gerade deshalb erzählen sie viel vom Wohnen in Zeiten, da ein Dach über dem Kopf höchstes Gut war. Denn, wie Vögel ihre Nester, so bauen sich Menschen ihre „vier Wände“ zum Schutz vor Natur und andere Menschen.

Es liegen Welten dazwischen

Beim großbürgerlichen Wohnen ging es nicht in erster Linie um Erfüllung der Grundbedürfnisse, sondern um Repräsentation. Mit dem Zurschaustellen was man – vermeintlich oder auch nicht – besaß, gab man seinen sozialen Status zu erkennen. Die Geräumigkeit kopierte die aristokratische Bau- und Lebensweise. Die „kleinen Leute“ lebten mit dem, was als „angemessen“ zugestanden wurde.

Repräsentiert wird auch bei den sozial Schwachen: Die „gute Stube“ blieb meist kalt und diente nicht dem täglichen Gebrauch. Hatte man eine, dann gehörte man zumindest zu den Glücklichen, die eine Wohnung nicht mit Fremden teilen mussten (Foto: Nicole Guether 2026).

Dauerausstellung: „Zimmermeister Brunzel baut ein Mietshaus. Bauen und Wohnen in Prenzlauer Berg um 1900“

Im Arbeiterviertel Prenzl’berg lebten selbst in den Vorderhäusern meist Angehörige der kleinbürgerlichen Mittelschicht oder Arbeiterfamilien. Das zeigen die wenig geschmückten Fassaden an. Um 1900 wurde hier gebaut, um möglichst viele auf möglichst wenig Platz unterzubringen. Dass das Leben in den einfachen Wohnungen nicht so gediegen war, wie das saubere Setting heute glauben macht, davon berichtet die Ausstellung sehr aufschlussreich. Schautafeln klären über Aspekte des Lebens in den Vorder- und Hinterhäusern auf, die wie Schauermärchen anmuten. So die Praxis des gesundheitsschädlichen „Trockenwohnens“, wodurch der Vermieter schon verdiente bevor er die Wohnung auf den Markt bringen konnte. Über Frauenalltag und -arbeit, Tätigkeiten wie das mehrere Tage verschlingende Wäschewaschen oder die Grundstücksbebauung, wird das Leben der Ärmsten vorgestellt.

Die Küche mit Eisschrank und Waschbrett (rechts). Schautafeln an den Wänden klären über Aspekte des Lebens auf (Foto: Nicole Guether 2026).

Wohnen in der Mietskaserne darf nicht mit der heimeligen Privatsphäre heutiger Tage verwechselt werden. Mehrere Familien teilten sich eine Wohnung, obendrein nahm man noch sog. „Schlafgänger:innen“ auf, die sich in ihrer extremen Armut nur ein Bett für einige Stunden leisten konnten. Alle lebten zusammen in einem einzigen Zimmer, in dem nicht selten auch noch gewerbliche Handarbeit verrichtet wurde. Fließend Wasser und elektrisches Licht waren auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts noch die Ausnahme, die Toilette auf halber Etage teilte man sich. Und wie zur Mahnung, dass es immer noch schlimmer geht, stand nicht weit entfernt in der Fröbelstraße Berlins berüchtigtstes Armenhaus, „Die Palme“.

Im heute übergentrifizierten Prenzl’berg bildet das kleine Wohnungsmuseum somit zugleich eine wichtige Erinnerungsstätte – und die ist, so ziemlich seit der Eröffnung 2003, immer wieder bedroht. Dem Gemeinschaftsprojekt des Museums Pankow und der Seniorenfreizeitstätte Herbstlaube, deren Senior:innen ehrenamtlich die Aufsicht übernehmen, droht das Ende wegen – wie kann es anders sein! – steigender Miete.

Gegenstände des Alltags

Stube, Kammer und Küche bilden die Wohnung, ein schmales Wasserklosett ist aus späterer Zeit. Eine Schlafpritsche deutet an, dass Wohnen damals weniger Verweilen als Schlafstätte war. Auch deshalb spielte sich das Leben draußen ab, auf der Straße und in den für Berlin so wichtigen Eckkneipen – wer kann’s verdenken!

Die Kammer – wie viele Personen schliefen hier einst? (Foto: Nicole Guether 2026)

Die Objekt- und Gegenständesammlung ist spannender Hauptakteur, sie machen die Zeit um 1900 nahbar. Aber ohne das freundliche Gespräch mit der Seniorin des Tages würde man sich oft ertappen, vielen Gegenständen das Besondere nicht anzusehen und damit deren Bedeutung für den Alltag. Herz der Ausstellung ist ohne Zweifel die Küche, was insofern sinnfällig ist, da der Ort des Feuers über Generationen der Mittelpunkt jeder Behausung war – der Kachelofen der „guten Stube“ wurde lediglich an Festtagen und zu Besuch angefeuert.

Ein Blick über die Gerätschaften und ein gewaltiger Unterschied zur Gegenwart fällt sofort auf: Kein Plastik. Hier ist alles gusseisern, aus Holz, Steingut, emaillierte Bleche, Keramik und Metall. Und natürlich funktionierte nichts mit Strom, sondern musste noch von Hand betrieben werden. Kaffeemühle, Fleischwolf, Brotschneide und Waschbrett usw. Die Kochmaschine ist nicht original, zeigt aber eine typische der Zeit. Ob die Wohnung je eine Kochmaschine mit so schönem Kachelfries hatte, darf dahingestellt sein. Die Sammlung ist exemplarisch, schließlich war die Wohnung nicht immer ein Museum.

Am eindrücklichsten sind, gerade weil eher unauffällig, die eingestickten Redewendungen auf den Tüchern in Küche und Kammer. Oft Teil der Heiratsaussteuer eines jungen Mädchens, dienten sie der täglichen moralischen Aufforderung und gemahnten „bürgerliche Tugenden“. Mit kunsthandwerklicher Fingerfertigkeit in den stillen Abendstunden nach vollbrachtem Tageswerk hergestellt, sind sie dezenter Beleg dafür, dass seit dem 19. Jahrhundert der Haushalt das verordnete „Reich der Frauen“ war. In den Sprüchen spiegeln sich tief internalisierte Glaubenssätze.

„Fleiß bringt Segen“ (Foto: Nicole Guether 2026).

Bei den vielen Utensilien und ihren oft verlorengegangenen Hintergründen wären Objektbeschriftungen lohnend. So muss man mit Fleiß schauen, sonst entgeht einem, dass der Brotkasten ein Vorhängeschloss hat. Es berichtet davon, dass Brot als das wichtigste Nahrungsmittel streng von der Hausdame gehütet wurde, die selbstverständlich den Schlüssel dazu besaß (das war in großbürgerlichen Wohnungen genauso). Nur im Gespräch mit der Aufsicht erfahre ich von der Funktion der Rolltücher, mit denen während des Mangelns der Wäsche selbige geschützt wurde. Es gibt Rolltücher mit szenischer Stickerei – sozusagen die Gebrauchsanweisungen der damaligen Zeit.

DDR-Platte Typ WBS 70

Zwischen den Wohnverhältnissen in der Prenzl’berger Mietskaserne und der DDR-Platte in Hellersdorf liegen der Untergang einer Jahrhunderte alten Ordnung sowie zwei Weltkriege. Und doch hat die rationalisierte Plattenbauweise ihren Ursprung in den letzten Jahren des Kaiserreichs und war direkte Antwort auf die katastrophalen Zustände in den Mietskasernen. Ab Anfang der 1970er wurde in der DDR der Typ WBS 70 gebaut, allein in Marzahn waren es 42.000 Wohnungen. Wenn man heute auch kein Fan von der „Platte“ ist, in der von Krieg zerstörten Stadt mit vielfach verfallenden Altbauten (eben jenes Prenzl’berg!) bot sie modernen Komfort mit Zentralheizung, Warmwasser und eigenem Bad – fast wie ein 6er im Lotto.

Das Wohnzimmer ist (neues) Zentrum des Wohlfühlwohnens (Foto: Nicole Guether 2026).

Das Wohnungsmuseum scheint die Zeit eingefroren zu haben. Alles sieht so aus, als ob die Bewohner:innen bloß mal kurz außer Haus sind. Nichts ist als Display gestaltet und würde Museumscharakter vermitteln. Absoluter Clou: Alles darf und soll angefasst werden, auch Schubfächer und Schränke dürfen geöffnet werden. Die Entdeckungsmöglichkeiten sind gewaltig. Von altem Kinderspielzeug, über kompletter Badezimmerausstattung, Omas Kittelschürze, Musik, Bücher, Flokati, Plaste und Elektro – das macht die Vergangenheit lebendig.

Alles erhalten, wie in einer Zeitkapsel: Als wären die Bewohner:innen nur kurz außer Haus (Fotos: Nicole Guether 2026).

Die Wohnung wurde in zwei Jahren Vorarbeit rekonstruiert, vieles von den Anwohner:innen selbst gestiftet. Auch dieses Museum wird rein ehrenamtlich betreut – was würde Deutschlands Kultur ohne Ehrenämtler:innen tun! Die Eröffnung 2004 kam zum Zeitpunkt, als mit dem Film „Goodbye Lenin“ ein Jahr zuvor die Ästhetik der DDR neu entdeckt wurde. Die einst verpönte Ästhetik war plötzlich chic. Seither ist der Andrang groß. Unablässig klingelt es auch an diesem Sonntag an der Tür zum Einlass. Besonders internationale Tourist:innen kommen, sie sind noch neugieriger als die Nachbarschaft. Ein italienisches Paar kommt an seinem letzten Tag in Berlin, ein Sohn ist mit seinen Eltern aus Indien gekommen; er ist nicht zum ersten Mal hier.

Foto: Nicole Guether 2026.

Wir drängen uns dicht durch die Räume, immer wieder muss man geduldig sein, bis man weiter vordringen kann, denn die meisten nehmen sich die Zeit zur genauen Inspektion. Wann hat man schon je in einem DDR-Reisepass mit unzähligen West-Visa oder einem „Ausweis für Arbeit und Sozialversicherung“ schmökern können? Dass man statt nur zu bestaunen tatsächlich das Sammelsurium durchforsten kann, macht die Ausstellung besonders interessant und gelungen. Angst, dass etwas verloren oder kaputt gehen könnte, gibt es keine.

Wie es sich in der DDR gewohnt hat, wird nacherlebbar, gerade weil eine museale Präsentation nicht stattfindet. Denn gerade das Nebensächliche vermag vom Alltag zu erzählen. So werden die FDJ-Jacke am Haken in der Diele, Wimpel, Abzeichen und „Trophäen“ zum subtilen Verweis darauf, dass auch im trauten Heim die Partei immer gegenwärtig war. Der Aluminiumtopf auf dem Herd, das Sandmännchen im Regal, die Pulle Feierabendbier, die man sich nach der Arbeit auf seiner hart erarbeiteten Couch im Wohnzimmer gegönnt hat – nicht lediglich die Ost-Ästhetik wird hier präsentiert, sondern auch ein Lebens- und Epochengefühl.

Lou Reed hörte man auch hinter der Mauer (Fotos: Nicole Guether 2026).

Auf der Homepage des Wohnungsmuseums heißt es, dass die „Unterschiede in der Einrichtung zwischen Ost und West gar nicht so groß waren“ – bloß hatte man im Osten für seine viel länger arbeiten müssen. Und so resümiert der Sohn indischer Eltern beeindruckt: „Der Lebensstandard war echt hoch!“ Das entspricht wenig dem Klischee vom permanenten Mangel.

Fazit

Der Besuch eines historischen Wohnungsmuseums regt den Vergleich mit der eigenen Zeit an und man kommt zum Schluss: Die Probleme gleichen sich, doch ist ein Dach über dem Kopf, das auch morgen noch sicher ist, ein Grundbedürfnis des Menschen zu allen Zeiten. Viele ehemalige Bewohner:innen vom Kiez in Prenzl‘berg – weggentrifiziert – kommen zu Besuch und trauern noch immer ein wenig der Gegend nach, die sie sich heute nicht mehr leisten können. Was macht es eigentlich mit Menschen, was oft nur unter dem Aspekt des Investment verhandelt wird? Auch die DDR-Wohnung ist Anzugspunkt für viele, nicht nur der Nostalgie wegen, sondern aus Interesse an einer, wenn auch nur vermeintlich, einfacheren Zeit.

Immer wieder stehen genau diese Orte vor dem Aus, weil das Investment fehlt, oder einseitig ist – wo aber das Engagement umso riesiger ist. Dabei sind sie gerade auch Orte der Begegnungen: der Generationen, der Kulturen und Länder. Ist es nicht auch bezeichnend, dass die herrschaftlichen Wohnungsmuseen von Stiftungen getragen, während die der „kleinen Leute“ ehrenamtlich betreut sind? Vergangenheit vor dem Vergessen bewahren, ist eine permanente Aufgabe auch aus dem Grund des Bewahrens vor dem Rückfall2.

  1. Wer sich ins Thema einarbeiten will, dem seien folgende Bücher empfohlen:
    Werner Hegemann: Das steinerne Berlin – Geschichte der größten Mietskasernenstadt der Welt, Lugano 1930 (Neuausgabe: Braunschweig/Wiesbaden 1979)
    Lutz Niethammer (Hg.): Wohnen im Wandel. Beiträge zur Geschichte des Alltags in der bürgerlichen Gesellschaft. Peter Hammer Verlag, Wuppertal 1979
    Geschichte des Wohnens, 1800 – 1918 Das bürgerliche Zeitalter, Band 3, hg. von J. Reulecke, Ludwigsburg/Stuttgart 1997 ↩︎
  2. Das Menschenrecht auf Wohnen ist in internationalen und europäischen Menschenrechtsverträgen geregelt. Das deutsche Grundgesetz nennt hingegen nicht ausdrücklich ein Grundrecht auf Wohnen, es ergibt sich jedoch aus der Kombination der Garantie der Menschenwürde (Art. 1 Abs. 1 GG) und dem Sozialstaatsprinzip (Art. 20 Abs. 1 GG).
    Und dennoch: „Wohnungslosigkeit, unzumutbare Wohnbedingungen, Diskriminierung auf dem Wohnungsmarkt oder hohe Mietbelastungen: Das Menschenrecht auf Wohnen ist auch in Deutschland bei vielen Menschen massiv eingeschränkt.“ ↩︎

Museum Pankow, Standort Dunckerstraße, Berlin

Museumswohnung WBS 70, Berlin

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