Die Pazzi-Verschwörung im Bode-Museum: „Macht, Gewalt und Kunst im Florenz der Renaissance“ – von Nicole Guether

Münzen, Medaillen, erweitert um einige Portraits und Skulpturen – klingt nicht nach den geeigneten Objekten, um Mord und Intrigen auszustellen. Dem Münzkabinett und der Skulpturensammlung gelingt im Bode-Museum jedoch das Kunststück, mit den eigenen Renaissance-Beständen eine sehenswerte Ausstellung zur Pazzi-Verschwörung aufzustellen. Der gescheiterte Putschversuch der einflussreichen toskanischen Adelsfamilie Pazzi gegen die herrschenden Aufsteiger Medici um die Oberhoheit über das reiche Florenz ist das Thema einer Kabinettausstellung.

Ausstellungsansicht (Foto: Nicole Guether 2026)

Die Verschwörung: Pazzi gegen Medici

Es liest sich wie ein Polit-Thriller bekannter Streaming-Dienste, woran der Untertitel der Ausstellung im Bode-Museum angelehnt sein mag, “Macht, Gewalt und Kunst im Florenz der Renaissance“. Das Leben schreibt eben die wildesten Geschichten: Zwei rivalisierende Familien, ein mörderisches Komplott und das auch noch während der heiligsten Messe zu Ostern in der Kathedrale. Diese ungeheuerliche Tat hat das Videospiel Assasin’s Creed II inspiriert.

Angetrieben von Neid und Gier, verschwören sich die adeligen Bankiers Pazzi, deren heller Stern am Florentiner Himmel wegen der Medici zu verblassen drohte, gegen ihre patrizischen Rivalen. Mit dem Attentat sollten der faktische Herrscher der Republik Lorenzo de‘ Medici und sein Bruder Guiliano kurzum beseitigt werden. Als am Sonntag, 26. April 1478 die Brüder im Chor der Messe beiwohnen, werden sie hinterrücks von den Attentätern mit Schwert und Dolch angegriffen. Wie durch ein Wunder gelingt Lorenzo die Flucht durch die Sakristei, sein Bruder jedoch verblutet auf dem harten Steinboden des Gotteshauses.

Wie lässt sich dieser frühneuzeitliche Polit-Thriller darstellbar machen?

Mit der Perspektive Lorenzos des Prächtigen (Büste Lorenzo de‘ Medici, Il Magnifico, 19. Jh. (Kopie nach einem Original aus dem 16. Jh., ausgeführt durch Cesare Mussini) (Foto: Nicole Guether, 2026)

Zum Glück beherbergen die Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin zahlreiche Objekte, die in einem Zusammenhang mit den Ereignissen um die Verschwörung stehen. Herzstücke der Ausstellung sind zwei Medaillen, die das Münzkabinett und die Skulpturensammlung besitzen. Sie verbildlichen die unerhörte Tat und versetzen uns kuratorisch in fast filmischer Manier mitten ins Geschehen. Die Darstellungen auf den Medaillen beruhen auf dem Bericht des Humanisten Angelo Poliziano, der Zeuge des Attentats war. Er wird auf einem der großen Wandbehänge zitiert. Damit auch ungeschulte Betrachter:innen die synchrone Darstellung vom Moment des Angriffs und der Flucht bzw. des Erliegens verstehen können, sind Erläuterungen und Personenbeschreibungen mitgegeben.

Die Bronzemedaillen mit einem Durchmesser von 65 mm markieren eine bemerkenswerte Innovation: Ihr Schöpfer erfand die istoria eines zeitgenössischen Geschehens in früher comichafter Manier. Die Renaissance kannte diese bildnerische Darstellungsform bis dahin nicht, sondern war ganz den religiösen und mythologischen Erzählungen verhaftet, in die sich Herrschende höchstens als Stifter oder in historischen Rollen hineinsetzen ließen. Kunsthistorisch ist das bereits ein spannender Moment, der noch deutlicher hätte herausgestellt werden können.

Zentrale Stücke der Ausstellung: Die Erinnerungsmedaillen (Foto: Nicole Guether 2026)

Dass es die Erinnerungsmedaille gibt, ist Ausdruck für das enorme propagandistische Talent Lorenzos, genannt Il Magnifico (1449-1492) (wie sie in die Berliner Sammlungen geraten sind, wird im Katalog aufgelöst). Lorenzo trat direkt nach der Tat nicht nur einen blutrünstigen Rachefeldzug los, dem in drei Tagen rund 70 Personen zum Opfer fielen, sondern er vergab für die Nachwirkung und Nachwelt auch eine Reihe künstlerischer Aufträge.

Eines der so entstandenen Werke ist das Bildnis seines ermordeten Bruders, das in der Ausstellung den Medaillen gegenüber hängt. Es ist eine von drei fast identischen Versionen, die Sandro Botticelli, der frühe Hauskünstler Lorenzos, noch im selben Jahr angefertigt hat. Verbündete Patrizier konnten mit dem Besitz eines solchen Bildnisses ihre Loyalität gegenüber Lorenzo bekunden – was nicht zuletzt Überlebensstrategie war.

Sandro Botticelli, Bildnis Guiliano de‘ Medicis (Foto: Nicole Guether 2026)

Die Ausstellung zeichnet in ihren kleinen Stationen die Chronik der Ereignisse nach, meist exemplarisch veranschaulicht anhand eines Exponats. Aber was leisten dabei Münzen und Medaillen? Zum einen bilden sie die vielen Beteiligten und Drahtzieher ab, die hinter den Kulissen in Mailand, Rom und anderweitig agierten. Die Ausstellung nutzt dabei die Gelegenheit, eine Verbindung zu antiken Münzen herzustellen, die als Vorbilder für die neuen Werken dienten. Darüber tradierte sich die antike Herrschaftsikonographie, die aufgrund des geringen Platzangebotes der Münzen sehr verkürzt funktionieren. Die Ausstellungsmacher richten den Blick darüber hinaus auch auf Wert des Münz-Geldes, seiner Materialien und das System des neuzeitlichen Prägerechts.

Damit werden die Geldmünzen nicht bloß zur Illustration herangezogen, sondern wir haben es indirekt mit einer Ausstellung des Geldes selbst zu tun. Auf diese Weise dienen die Münzen als konstante, wenn auch subtile Erinnerung daran, worum es doch immer geht: ums liebe Geld.

Ansichten der Ausstellung (Foto: Nicole Guether 2026)

Was für die Münzen gelingt, bleibt bei den Medaillen offen.

Antike Medaillen waren erst wenige Jahrzehnte vor den dramatischen Ereignissen als Kunstgegenstände wiederentdeckt worden. Die Kunst der Renaissance führte ihre Herstellung zur Meisterschaft, was wir an vielen Exemplaren sehen können. Medaillen waren indes kein Zahlungsmittel, ihr Umlauf damit wesentlich begrenzter. Einige waren Sammlungs- und Memorialstücke, gedacht für den häuslichen Gebrauch in den Kunstkammern und Studiolos gelehrter Humanisten. Medaillen wurden auch zu besonderen Anlässen wie Vertragsabschlüssen geprägt, die als diplomatische Geschenke Bündnisse auf diese Weise ehrten. Zuweilen dienten sie als Accessoires, wurden an Hüten, oder um den Hals getragen und konnten so politische Botschaften transportieren, vergleichbar mit heutigen Buttons. Diesem Aspekt trägt die Ausstellung allerdings nicht hinreichend Rechnung und bietet keine ausreichenden Erklärungen. Medaillen erscheinen dadurch nur als schön anzusehen.

Die Sieger schreiben die Geschichte und produzieren die Bilder.

Kulturhistorische Objekte bleiben uns als schöne Quellen erhalten, dennoch dürfen wir nicht vergessen, wer uns diese Artefakte hinterlassen hat: Die aus dem Kampf hervorgegangenen Sieger. Sie haben entschieden, welche Bilder wir zu sehen bekommen, welche Perspektive überdauert.

Lorenzos aggressive Bilderpolitik ließ nicht nur neue Werke entstehen, mit denen er dem Tod seines Bruders gedenken und sein eigenes Überleben heilsgeschichtlich überhöhen wollte. Gleichzeitig ließ Lorenzo die Erinnerung an die verhassten Pazzi komplett auslöschen und verhinderte, dass deren Gesichter uns heute präsent sind. Diese damnation memoriae existierte als politische Praxis zu allen Zeiten, schon die alten Ägypter ließen die Antlitze der Nicht-Siegreichen ausradieren. Die erhaltenen Objekte sind damit allesamt Werke der Verherrlichung und Propaganda.

Wenige Bildnisse überstanden Lorenzos rasenden Rachefeldzug. Eines davon, in dem sich das Wappen der Pazzi erhalten hat, ist in der Ausstellung präsent und illustriert so eindrucksvoll den Vernichtungseifer.

Fazit

Es braucht schon ein wenig Muße, Münze auf Münze geduldig zu betrachten. Daher ist das mitreißende Thema guter Anlass, um die der Langeweile verdächtigen Numismatik ins Zentrum zu rücken.

Das Illustrieren der Ereignisse und seiner Protagonisten gelingt zudem wunderbar, wird im richtigen Rhythmus um Werke anderer Gattungen erweitert, um weitere Etappen der Verschwörung unterbringen zu können. Im Vorbeigehen werden wichtige Aspekte des Geldes zur Zeit des Quattrocento behandelt, das hätte für das Medium Medaille in dieser Form auch so erfreulich durchgeführt werden dürfen.

Die metallenen Bildnisse sind aufgrund des Materials äußerst langlebig, weswegen sie eine enorm robuste Quelle der Geschichte sind – eigentlich nur durch Einschmelzung bedroht. Ihr beschränkter Platz macht verkürzte Botschaft notwendig, die mit der Zeit unverständlich werden können. Als Träger von Informationen bieten sie Hinweise auf politische Systeme, sowie sozial und kulturgeschichtliche Zusammenhänge. Sie stellen portable Denkmäler dar, die Erinnerungen auch jahrtausendelang bewahren, wenn Namen vergessen und Taten belanglos geworden sind.

Die Ausstellung erinnert gekonnt daran, dass die „Pazzi-Verschwörung“ als eine dramatische Geschichte alle wesentlichen Aspekte der italienischen Renaissance in sich vereint und das florentinische Quattrocento als „eine Epoche [zeigt], in der gewalttätige politische und religiöse Konflikte in unvergessliche künstlerische Kreationen umgewandelt wurden“ (Ausstellungstext).

Die Welt der Politik und des Geldes gehört seit jeher zusammen, dass vermag die Ausstellung als Nebeneffekt zudem zu verdeutlichen. Geld regiert die Welt.

Staatliche Museen zu Berlin, Sonderaustellung des Münzkabinetts und der Skulpturensammlung im Bode-Museum
24.10.2025 bis 20.09.2026

Kuratierung: Karsten Dahmen, Neville Rowley

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