„Holo-Voices“ oder: Wie können die Überlebenden der Shoah mit uns sprechen? – von Bernd Holtwick

„Holo-Voices“ – was soll das sein? Die Zeche Zollverein beschreibt ein „einzigartiges Projekt“, das „die persönlichen Geschichten von Überlebenden der Shoah auch für künftige Generationen lebendig hält“. Künstliche Intelligenz und ein dreidimensionales Hologramm sollen „eine direkte Begegnung mit den Zeitzeugen und eine lebendige Interaktion“ ermöglichen. Der Link zu weiteren Informationen führt zu von der TU Dortmund verantworteten Projekt-Seite. Hier ist zu erfahren, dass die Grundlage „mehrtägige Interviews“ bilden. Die „direkte Begegnung“ und „lebendige Interaktion“ stellt sich als Möglichkeit heraus, Fragen zu stellen. „Die KI ermittelt die passende Original-Antwort“. Die Projekt-Seite führt auch die Interviewten auf, zwei Frauen und vier Männer, geboren zwischen 1926 und 1935, Dr. Leon Weintraub in Polen, die übrigen in Deutschland, zu denen jeweils knappe biographische Informationen bereitgestellt werden. Die Bezeichnung „Holo-Voices“ wird nicht aufgelöst. Vermutlich steht „Holo“ für „Hologramm“. Denkbar wäre auch „Holocaust“, aber den Begriff für den Massenmord an den europäischen Juden so zu verkürzen, erschiene doch sehr befremdlich.

Etwas verwirrend wirken die „Begleitausstellungen“, da ihre Funktion im Zusammenhang mit den „Holo-Voices“ nicht ganz klar kommuniziert wird. Die eine mit dem Titel „Unter Tage. Unter Zwang“ hat eher einen losen Bezug, weil sie sich mit Zwangsarbeit im Ruhrbergbau im Nationalsozialismus beschäftigt. Die andere stammt von der Deutschen Nationalbibliothek und konzentriert sich auf Inge Auerbacher und Kurt Salomon Meier, zwei der Interviewten. Der Titel „Frag nach!“ verweist auf die enge Verbindung zum KI-gestützten Interviewformat hinter der Tür. Sie steht unmittelbar vor dem kinoähnlichen Saal, in dem die „Holo-Voices“ zu sehen sind. Die Ausstellung gibt einen Überblick über die Lebenswege der beiden Protagonisten. Sie bereitet gut auf die „Befragung“ vor, was erst beim Besuch etwas überraschend klar wird. In dem Moment stellt sich aber auch die Frage, ob diese inhaltliche Begleitung auch an anderen Standorten gewährleistet ist. Außerdem tauchte Kurt Salomon Meier als „Holo-Voice“ später nicht auf.

Was dann aber unter dem Begriff „Holo-Voices“ zu erwarten ist, lässt sich aus den online gestellten Informationen nicht recht erschließen, sondern erst vor Ort verstehen. Man betritt einen verdunkelten Raum mit einer Bühne und Sitzreihen davor. Der Bühnenvorhang im Hintergrund ist dezent beleuchtet. Die Projektion taucht davor auf, wohl auf einer Glasscheibe. Sie zeigt eine Filmschleife, in der Inge Auerbacher in einem Sessel sitzt, sich langsam bewegt und ins Publikum schaut.

Foto: Bernd Holtwick 2026

Der weitere Ablauf wird von einem Mitglied des Aufsichtsteams erklärt und auch durchgängig moderiert. Die wichtigste Information ist, dass nichts geschieht, wenn aus dem Publikum keine Fragen gestellt werden. Dazu muss man aufstehen, seine Frage deutlich sprechen und sich wieder hinsetzen. Da es keine inhaltliche Einleitung gibt, fühlt sich die Befragungssituation etwas eigenartig an. Immer wieder scheint die projizierte Inge Auerbach Fragen nicht zu verstehen und bittet darum, deutlicher zu sprechen. Das gilt beispielsweise auch, wenn man sie siezt. Wird die Frage akzeptiert, besteht die Antwort in einer Passage des aufgezeichneten Interviews. Ton und Bilder sind klar und flüssig, aber sie reagieren nicht direkt auf die Frage. Die Moderatorin ordnet die Antworten deshalb immer wieder ein und weist auch darauf hin, dass auf bestimmte Fragen unterschiedliche Ausschnitte ausgewählt werden, wofür die Kriterien nicht immer ganz klar sind. Manchmal erklärt sie auch, was bei diesen Alternativen zu hören gewesen wäre. Immer wieder motiviert sie freundlich zu weiteren Fragen. Auch sind Frage-Vorschläge in Leuchtschrift neben der Bühne zu lesen.

Insgesamt wird die Erwartung eines Gesprächs immer wieder untergraben, da man ständig die technische „Meta-Ebene“ mitdenkt, holprige Antwort-Bezüge entschuldigt und bei jeder neuen Frage hofft, dass eine sinnvolle Antwort zustande kommt. Was man in den ca. 45 Minuten von Inge Auerbacher erfährt, hängt ganz von den Fragen ab. Wahrscheinlich folgen die oftmals ziemlich zusammenhanglos aufeinander. Wer keine Vorkenntnisse mitbringt und die Ausstellung „Frag nach!“ nicht zur Vorbereitung genutzt hat, muss sich aus den Informations-Bruchstücken die Lebensgeschichte zusammenbauen. In der besuchten Vorstellung wurde nicht nach einem Überblick gefragt – vielleicht auch, weil man sich dadurch als schlecht vorbreitet zu erkennen gegeben hätte. Zwar kommt immer wieder der Hinweis, alles dürfe erfragt werden. Niemand nutzte das aber für intensivere oder unkonventionellere Nachfragen, womöglich weil das wieder ein „Nicht-Verstehen“ auslösen könnte. Das Publikum übernimmt seine gefühlte Verantwortung, man will ja die projizierte Zeitzeugin nicht schlecht dastehen lassen – was ein Leichtes wäre.
Alles das soll nicht die technische Leistung schmälern, die hinter „Holo-Voices“ steht. Doch so sehr die beeindruckt, so deutlich wird die Differenz zu einem echten Gespräch. Statt Interesse oder gar Empathie für die Person Inge Auerbacher zu entwickeln, schiebt sich die Herausforderung in den Vordergrund, das Computerprogramm „richtig“ zu bedienen.

Foto: Bernd Holtwick 2026

Am Rande nur sei bemerkt, dass die Modalitäten des Besuchs der Holo-Voices in der Vorbereitung nicht vollständig zu klären waren. Die Homepage der Zeche Zollverein gibt tägliche Öffnungszeiten von 12-18 Uhr an. Einschränkend ist aber zu sagen, dass der Besuch gelegentlich durch Gruppen blockiert wird, so dass sich ein vorheriger Anruf empfiehlt. Die Telefonnummer, die unter dem Link https://www.holo-voices.de/ genannt wird, ist dafür hilfreich. Die Kontaktnummer des Ruhr-Museums ist dagegen über aktuelle Buchungen nicht informiert. Leider verrät keine der Websites, dass die „Holo-Voices“-Vorstellungen jeweils zur vollen Stunde beginnen und ca. 45 Minuten dauern. Empfehlenswert ist es, eine halbe Stunde vorher da zu sein, um die „Frag nach!“-Ausstellung anzuschauen. Für Schulklassen und andere Gruppen gibt es spezielle Angebote, die wohl nicht an die Öffnungszeiten gebunden sind.

Grundsätzlich könnte man diskutieren, wie wichtig Zeitzeugen für die Erinnerung an die Shoah sind. Klar ist, dass die Überlebenden für das, was ihnen zugefügt wurde, und für das, was sie zum Teil seit Jahrzehnten leisten, höchsten Respekt verdienen. In beeindruckender Weise legen sie Zeugnis ab und engagieren sich für historische Aufklärung und politische Bildung. Die Holo-Voices setzen diese Wertschätzung und einen daraus resultierenden behutsamen Umgang mit ihren Zeugnissen voraus, weil andernfalls angesichts der technischen Grenzen die Illusion eines Dialogs nicht durchgehalten werden kann. Wer diese Basis nicht teilt, wird sich kaum beeindrucken oder gar beeinflussen lassen.

„Holo-Voices. Eine Stimme für die Ewigkeit“, Halle 8, Zeche Zollverein, Bochum

Interviews: Susanne Wegner, Wiebke Möhring, Fabia Lulis (alle TU Dortmund), Verein ZWEITZEUGEN e. V.

Datenverarbeitung: Mario Botsch (TU Dortmund)

„Frag nach!“

Kuratierung: Theresia Biehl, Lisa Eyrich, Vanessa Gelardo, Anna Nübling, Christiane Schwerdtfeger

Gestaltung: Katharina Schätzle

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