Wohnen ist in aller Munde: Wohnraum ist schwer zu finden und oft unbezahlbar. Grundrecht für die einen, ein lukrativer Weg des Geldverdienens für die anderen. Das Problem ist so alt wie der Wohnungsmarkt. In Deutschland fehlen aktuell rund 1.4 Millionen Wohnungen, vornehmlich günstige Miet- und Sozialwohnungen – aber fast 2 Millionen stehen leer (Zensus 2022). Europaweit ist Deutschland das Land mit dem höchsten Mieteranteil, hier leben rund 52 % nicht in einem Eigenheim. Das bleibt für viele, vor allem in Ballungszentren, unerfüllbarer Traum.
Erstaunlich, aber vor diesem Hintergrund auch überaus relevant: In der Stadt, die wie keine andere in Deutschland in der Wohnkrise um Lösungen ringt, gibt es viele Orte, die „Wohnen“ zum Thema ihrer Ausstellungen machen. Deshalb folgt in zwei Teilen die Besprechung musealer Wohnungen, angefangen mit den repräsentativen des Großbürgertums im 19. Jahrhundert.
Seit wann wohnen wir eigentlich zur Miete?
Wie bei vielem, was unsere moderne Lebensweise betrifft, lohnt auch hier der Blick ins bürgerliche 19. Jahrhundert, in dem sich das Mieterdasein zur Hauptform des (städtischen) Wohnens entwickelte. Zwar existierten bereits in mittelalterlichen Städten Europas Miet- und Pachtverhältnisse, aber sie setzten sich in der Breite erst infolge von Industrialisierung und Verstädterung durch. Ob Arbeiter, Beamte, Kleinbürger, sie alle wohnten zur Miete statt im eigenen – und von mehreren Generationen bewohnten – Haus. Die Verbürgerlichung der Gesellschaft findet in der Etagenwohnung vielleicht ihr treffendstes Sinnbild.
Dennoch bestanden deutliche Unterschiede in der urbanen Wohnkultur, wo Viertel nach Standes- und Klassenzugehörigkeit segregiert wurden und Häuser die Hierarchien der Gesellschaft in den Etagen festhielten.

Museum für die Wohnkultur der Gründerzeit: Schloss Britz
Trotz seiner wechselhaften Geschichte – zwischenzeitlich war es Kriegslazarett und Kinderheim – zeigt sich Schloss Britz seit 1989 zumindest im südlichen Erdgeschoss wieder in seiner alten Pracht. Anhand originaler Ausgestaltung können die Besucher:innen „das Wohn- und Lebensgefühl einer großbürgerlichen Familie im ausgehenden 19. Jahrhundert nachvollziehen“, heißt es auf der Homepage der Kulturstiftung.

Der schlossartige Zustand und der gründerzeitliche Prunk gehen auf die Ausstattung in mehreren Phasen zwischen 1865 und 1895 zurück, nachdem der Spirituosenfabrikant Julius Wrede (1822-1895) das ehemalige Rittergut erworben hatte. Es war ein Weg der bürgerlichen Klasse – jene Gewinner der Industrialisierung – sich Ansehen zu verschaffen, bürgerliche Bildung zur Schau zu stellen und nicht zuletzt den (erwirtschafteten, nicht ererbten!) Reichtum.
In der Zeit des endgültigen Durchbruchs des Bürgertums als Wirtschaftsmacht und neue machtrelevante Klasse, waren die Städte in explosivem Tempo gewachsen. Das Bürgertum richtete sich innerstädtisch auf der Beletage seine Wohnungen ein und dekorierte sie im eklektizistischen Stil – die Wredes besaßen eine Stadtwohnung im alten Tiergarten.
Dass Wrede einen Landsitz außerhalb des Berliner Rings als Sommerresidenz wählte, entsprach einem gesteigerten Repräsentationsbedürfnis und neuen Standesbewusstsein. Gewissermaßen schmückte er sich mit den altehrwürdigen Federn vergangener Herrschaftlichkeit und demonstrierte seinen gesellschaftlichen Rang.


Innenansichten: Viel Vollholz, schwere Stoffe, gemütliche Farben (Fotos Nicole Guether 2026).
Leben wie die Aristokratie
Die Repräsentationsräume ließ Wrede reich ausstatten, das belegen noch der originale Maskenfries im Speisezimmer oder die Prunkdecke des Festsaals. Sie erinnern daran, dass sich das Bürgertum an die aristokratische Lebens- und Wohnweise anlehnte, denn zum Adel schaute man auf, zu ihm wollte man aufschließen. Man kopierte dessen Salonkultur, gab gleichfalls Diners für illustre Abendgesellschaften, nach denen sich der Hausherr mit den geladenen Herren ins Raucherzimmer zurückzog.
Raucherzimmer für den Hausherren im Stil der Neorenaissance (links) und Damensalon, wo Kaffeekränzchen erlaubt waren (rechts) (Fotos Nicole Guether 2026).
Architektur ist insofern immer auch gebaute soziale Distinktion, das zeigt sich auch an den nach Geschlechtern getrennten Räumen: Damensalon (meist lichter und mit floralen Motiven gestaltet) und (markiges) Herrenzimmer. Diese Räume erzählen von den unterschiedlichen gesellschaftlich akzeptierten Tätigkeiten, die wiederum die Dekorationen beeinflussten.
Längst vergessene Eigenschaften
Mühsam und aufwendig wurde Interieur zusammengetragen, um den historischen Ort für den Zweck der Dauerausstellung wieder herzurichten. Holzböden und Wandgestaltung waren Jahrzehnte unter den Neuerungen der Zeit verborgen und geschützt, aber Mobiliar und Gegenstände musste nachgespürt werden. Porträts und Erinnerungsstücke stammen aus dem Familienbesitz.

Das Bowleservice als absolutes Statussymbol des gründerzeitlichen Großbürgertums (Foto Nicole Guether 2026).
Die Gegenstände erzählen längst Vergessenes, oder wer weiß noch, dass Bowletrinken der Partyhit des 19. Jahrhunderts war? Davon zeugt ein Prunkstück der Sammlung im Speisezimmer und erinnert an die Zeit als Bowletrinken ein ritualisierter Zeitvertreib für bürgerliche Familienfeiern oder Herrengesellschaften war. Ein kunstvoll gearbeitetes Bowleservice war – wie so viele Gegenstände, die uns heute gewöhnlich sind – ein Statussymbol des gehobenen Bürgertums. Solche und weitere Objekterklärungen bietet der Audioguide der Ausstellung.
Viele der ausgestellten Möbel sind qualitätsvolle Unikate und stammen nicht, wie in der Gründerzeit oft üblich, aus einer fabrikmäßigen Massenproduktion. Denn was bei der Qualität der Vollholzmöbel leicht in Vergessenheit gerät, ist, dass man damals anfing, nach Katalogen zu bestellen.
Womit sich die Gründerväter umgaben: Als Zeit wichtig wurde (Fotos Nicole Guether 2026).
Museum Knoblauchhaus
Vom sozialen Aufstieg einer Familie kündete seit 1989 auch das Knoblauchhaus im Nikolaiviertel, der ältesten durchgehenden Besiedlungsstätte Berlins. Das dreigeschossige Gebäude stammt aus der Mitte des 18. Jahrhundert und ist eines von lediglich vier Häusern, das den Krieg überstand. In seiner Geschichte wurde es mehrfach an den sich wandelnden Zeitgeschmack angepasst. Die Ausstellung konzentriert sich auf die Phase des Biedermeiers, d.h. dem Stil der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der ging der Gründerzeit voraus und war eine Epoche, in der sich das Bürgertum infolge erneuter politischer Unterdrückung und Zensur aus der Öffentlichkeit in das Privatleben zurückzog. Hier wurde die „deutsche Gemütlichkeit“ erfunden.

Die Dauerausstellung „Berliner Leben im Biedermeier. Humboldt, Schinkel und die Familie Knoblauch“ will von der Eigentümerfamilie sowie vom gesellschaftlichen Leben Berlins erzählen. Im Obergeschoss, einer der beiden Ausstellungsebenen, wird dazu das Netzwerk „Berliner Salon“ vorgestellt mit besonderem Fokus auf Schinkel und die Brüder Humboldt, deren wissenschaftliche Entdeckungen und Ideen im Laufe des Jahrhunderts entscheidend zur bürgerlichen Rationalisierung der Welt beitrugen.
Dazu werden noch die Rekonstruktionen einer Küche, Schlaf- und Arbeitsstube gezeigt, ohne damit einen belegbaren Zustand in der Geschichte des Hauses nachzustellen. Das hilft zwar dem Verständnis fürs Wohnen der Zeit, man merkt aber, dass es dabei eher darum geht zu zeigen, was in der Sammlung vorhanden ist. Integrales Ausstellen z.B. der Arbeit Wilhelm Humboldts in der Arbeitsstube wäre eine elegantere Variante – wären da nur nicht die Besucher:innen! Sicherungstechnisch lässt sich leider selten alles umsetzen, was lohnend wäre.
Die Beletage ist Hauptakt der Ausstellung und konnte dank genauer Spurensuche sehr schön wieder hergerichtet werden. Wobei die detailreichen Rekonstruktionen das Entree, die Bibliothek und den Salon betreffen und Eindruck vom biedermeierlichen Interieur geben. Nebenbei werden einzelne Familienmitglieder vorgestellt.

Ausstellen heißt Fragen stellen
Die Räume gehen, wie damals noch üblich, direkt ohne Flure ineinander über. Und obschon die adligen Räume kopiert wurden, stimmt es in der Raumaufteilung nicht. So überlege ich zusammen mit einer der Life-Speaker – Fachkundigen, die vor Ort zur Auskunft bereitstehen – ob die frühen bürgerlichen Aufsteiger einfach nicht wussten, wie man gehoben lebte. Es scheint mir die treffendste Erklärung, denn woher hätten sie es wissen können?
Und hier zeigt sich bereits ein Manko der Wohnungsausstellungen: Sie zeigen zu oft nur, aber stellen nicht die eigentlich spannenden Fragen. Es bleibt schwer vorstellbar, wie es sich in dem Haus lebte, in dem unten im Kontor gearbeitet wurde, oben die Hausherren Gäste empfingen, Kinder und Hausangestellte lebten, schliefen, spielten, lernten und schafften. Wenn auch alles so hübsch aussieht, war es das wirklich?
Manche dieser Informationen – auch wenn einige von der Forschung schlicht nicht beantwortet werden können – ließen sich durch Fokus auf zentrale Exponate mitgeben. Auf diese Art wären die Zimmer nicht lediglich Display. Die Gleichzeitigkeit von zu vielem ist des Öfteren ein Problem von Ausstellungen, zumal der Platz nicht reicht, um die Sammlungsbestände umfassend zu präsentieren.
Schlafstube: Wo der Nachttopf im hübschen Nachttisch versteckt wurde. Auch heute noch verschämt gezeigt! (Fotos Nicole Guether 2026)
Doch hielten Dinge im Biedermeier ins Häusliche Einzug, die noch heute unser Leben bestimmen, wie etwa (Gas-)Lampen statt schwachem Kerzenschein, die den Tagesrhythmus veränderten. Ohnehin endete in der Epoche des Übergangs zur industriellen Lebensweise der bis dahin übliche zweiphasige Schlaf und überhaupt begann die genaue Zeitmessung das Leben zu durchdringen. So könnten Lampen und Uhren der Ausstellung viel vom Leben erzählen, aber hier tun sie es nicht.
Der Prunk wird gern gezeigt
Und weil sich lange bloß erhalten hat, was die Oberschicht betraf, sind auch hier jegliche Zeichen der Unterschicht getilgt. Nicht nur, dass wir ihre Stuben unter dem Dach nicht mehr haben, sie werden auch mit kaum einer Silbe erwähnt. Dabei verrät besonders die Küche – eine sogenannte „Schwarzküche“ fensterlos im Zentrum des Hauses –, dass „wohnen“ damals noch harte Arbeit war.

Leider betrifft die Rekonstruktion mit Mobiliar, kunsthandwerklichen Gegenständen und Raumdekorationen vornehmlich die Repräsentationsräume. Das ist beeindruckend, durchaus. Aber genau diese Räume und ihre Wucht sind uns bildkollektivisch vertraut. Aber wie wusch sich eigentlich Frau Kommerzienrätin und waren im Herrenraum wirklich keine Damen erlaubt? So wird vergangene Pracht vor Augen geführt, ohne den Lebensalltag mit zu zeigen.
Fazit
Großbürgerliches Wohnen, der Alltag und die Dinge, mit denen man sich in ihm umgab, beeindrucken noch heute. Und angesichts der ungebrochenen Begeisterung für die sanfte Gemütlichkeit des Biedermeier und der Grandesse des selbstbewussten Bürgertums der Gründerzeit, ist die „Verbeigisierung“ unserer Zeit umso fraglicher. Vielleicht ist in der entzauberten Welt (Max Weber) einfach kein Platz mehr für schwere Stoffe, nachhaltige Echtholzmöbel und märchenhafte Atmosphäre.
Aus dem Alltag der jeweiligen Zeit bleibt viel subtil, die Besucher:innen sind gefordert selbst zu hinterfragen: Wenn die Räume nach Geschlechtern getrennt waren, wann begegneten sich diese? Als ein Haus noch von mehreren Generationen bewohnt wurde, Dienstmägde und Angestellte des Kontors zugange waren, wie laut war es tagsüber? Roch es stark, wenn der Nachttopf erst am Morgen geleert wurde? Und welches Verständnis von Privatsphäre und bürgerlicher Moral- und Schamvorstellung waren gegeben, wenn die heute tabuisierten Dinge des Lebens damals nebeneinander vonstattengingen?
Um „Wohnen“ als abstrakten Komplex aus Handlungen, Emotionen und sozialen Funktionen ausstellbar zu machen, ohne eine reine Möbelansammlung angereichert mit Gegenständen zu sein, sollte hinter die Objekte beschaut werden. Denn vergangene Wohnkulturen zu erhalten, kann Verständnis für die Menschen anderer Zeiten schaffen und damit Veränderungen begreifbar machen. Dass z. B. heute das Familienbett wieder angesagt ist, hat einen völlig anderen Grund als das Familienbett vergangener Zeiten… Wohnen ist mehr, als sich zwischen Möbeln zu bewegen.
Ausblick
Es wohnen nicht nur die Wohlhabenden, deshalb folgt mit Teil 2 zum Thema „Wohnen! Berliner Ausstellungen“ ein Blick auf das weniger komfortable, herrschaftliche Leben in der Mietskaserne und der lange Zeit verächtlich beäugten „Platte“.
Kulturstiftung Schloss Britz, Berlin
Museum Knoblauchhaus, Berlin

























