„Ohne Erinnerung, gibt es keine Zukunft“ – Museu do Aljube Resistência e Liberdade – von Esther Kaack

Bei einem Urlaub in Lissabon gibt man sich gerne den Straßen voller bunt gefliester Altbauten, den unzähligen Cafés und den dort erhältlichen Pasteis de Nata, kleinen Puddingtörtchen aus Blätterteig, oder den Kreativmärkten am Tejo-Ufer hin. Doch spätestens, wenn einen das Glück des guten Wetters verlässt, kann einen die Frage beschleichen: was war hier eigentlich früher los? Vor dem EU-Beitritt, vor den Digital Nomads, die mit ihren Macbooks unterm Arm nach WiFi fragen und vor all den AirBnbs? Klar, Portugal war doch Seemacht! Beziehungsweise wahrscheinlich eher Kolonialmacht, das klingt mittlerweile irgendwie angemessener. Aber mit Voranschreiten des 20. Jahrhunderts wurde es doch schwieriger anderen Länder ihrer Ressourcen und Menschen zu berauben. Was war denn dann?

Foto: Esther Kaack 2023

Das ‚Museu do Aljube Resistência e Liberdade‘ (dt.: Aljube-Museum des Widerstandes und der Freiheit) widmet sich dem Widerstand gegen die Diktatur, die das Leben in Portugal von 1926 bis 1974 bestimmte. Diese wurde zu Beginn noch von dem Militär geführt und ab 1933 als ‚Estado Novo‘ (Neuer Staat) von António de Oliveira Salazar. Es ist ein modernes und einladendes Geschichtsmuseum, das statt mit unterzeichneten Urkunden und Militäruniformen mit angenehm verständlichen Texten, Fotos und szenographisch nachgestellten Szenen arbeitet.

Erste Schritte in die portugiesische Faschismusgeschichte

3 Euro kostet der ermäßigte Eintritt zur Dauerausstellung für mich und meine Begleitung als Studierende. Hinter uns kommen noch zwei weitere Duos durch die Eingangstür. Ein Paar, das ich der Baby-Boomer-Generation zuordnen würde und ein Paar Mitte-Ende Zwanzig. An der Kasse wird jeweils nach der Nationalität gefragt: „german“. Gedankliches Schmunzeln. Die eigene nationale Faschismusgeschichte kennt man im besten Fall ganz gut, jetzt schaut man sich an: Wie haben das die Anderen am Atlantik eigentlich gemacht? Oder zeigt sich hier doch die Wirksamkeit der deutschen Erinnerungskultur, das Pflichtgefühl sich bei seinem Städtetrip oder frühjährlichen Portugal Urlaub, bei dem man sicher auf mehr Sonne und Strand gehofft hatte, doch auch mit den schweren Themen der Vergangenheit des Urlaubslandes auseinanderzusetzen? Sicher ist: viele Möglichkeiten werden einem im Portugal dafür nicht geboten. Lieber erinnert man sich an die prachtvollen monarchischen Jahrhunderte, an die Seefahrernation und den internationalen Handel, für den Lissabon einst ein wichtiger Hafen war. Das Aljube-Museum, dessen Gründung Anfang der 2000er länger debattiert wurde und sich damit außerhalb einer Selbstverständlichkeit von Vergangenheitsaufarbeitung befindet, ist seit 2015 die mit Abstand zugänglichste Adresse, wenn man etwas über die ‚vergessene‘ Diktatur Europas, wie sie das ZDF in seiner gleichnamigen Doku von 2021 bezeichnete, erfahren möchte.

Die Ausstellung beginnt mit einem zeitlichen Überblick zur Geschichte des Gebäudes, das bereits seit dem 19. Jahrhundert als ein Gefängnis genutzt wurde. Mit der beginnenden Diktatur diente es der ‚PIDE‘, dem Geheimdienst des Estado Novo, zur Verwahrung von politischen Häftlingen bis 1965. Anschließend folgen Informationen zu Portugals Status Quo zu Beginn des 20. Jahrhunderts und der Machtübernahme Salazars. In einem Einführungsfilm wird der Aufstieg des Faschismus‘ in Europa geschildert und der Verlauf des zweiten Weltkriegs zusammengefasst. Adolf Hitler ist vermehrt zu sehen und zu hören. Das Zentrum des Faschismus‘ in Europas Mitte, das Deutsche Reich und sein zerstörerischer Kampf um Macht und Land scheinen Einfluss auf Portugal gehabt zu haben. Ob es direkte Verbindungen gab oder ob der Zusammenhang eher durch das allgemeine von Faschismus geprägte politische Klima um 1930 in Europa hergestellt wird, wird nicht explizit erläutert. Doch während des Zweiten Weltkriegs errichtete und nutzte auch die Salazar-Diktatur ein als Konzentrationslager bezeichnetes Gefängnis in Tarafal auf den Kapverdischen Inseln. Für die menschenunwürdige Haft von politischen Gefangenen und z.B. auch afrikanischen Unabhängigkeitskämpfern wurde dieses Lager auch nach 1945 weiterhin genutzt. Obwohl historisch Informierten diese Praktiken nicht fremd sind, ist es dennoch überraschend sie in diesem Kontext wiederzufinden. Man nähert sich der Härte des Regimes langsam an. Die folgenden zwei Räume geben den Aufbau und Charakter von Salazars Estado Novo wieder. Zum Beispiel seine nicht zu hinterfragenden Grundsätze, die das Leben der Portugies:innen stets steuern sollten und die Salazar 1936 in Braga zum Jubiläum des Coup d’Etat von 1926 bekannt gab. Sie sahen den katholischen Glauben, die Familie und das Vaterland als tragende Säulen für den Estado Novo vor.

Foto: Esther Kaack 2023

Unterdrückung durch Überwachung

Nach dieser Einführung, die eine Annäherung an die Ideologie des Estado Novo ermöglicht, widmen sich die nächsten Räume dessen Opposition. Der Übergang fühlt sich abrupt an, unvorbereitet sind Objekte, die einst zum Drucken von Zeitungen und Flyern dienten, zu sehen. Dass deren Nutzung gefährlich war und von wem sie überhaupt genutzt wurden, geht erst aus dem Objekttext bei genauerem Hinsehen hervor. Ein weiterer Abschnitt widmet sich der PIDE, der Geheimpolizei. Über einen Zeitstrahl lassen sich einige ihrer Entwicklungen, u.a. Ihre Umbenennung vom PVDE zu PIDE oder ihre Zuständigkeit in den kolonialen Überseegebieten verfolgen. Des Weiteren werden ihre gängigen ‚Ermittlungsmethoden‘ erläutert. Dazu zählte beispielsweise das systematische Sammeln von Informationen, um präventiv gegen vermeidlich gefährliche Aktionen vorgehen zu können. Die PIDE nutzte dafür ein Netzwerk aus Informanten, letztere werden als ‚Bufos‘ bezeichnet. Dieses Netzwerk half das Image der PIDE, als mächtige Organisation, die soziale und politische Kreise infiltrieren konnte, zu zeichnen und damit in der Bevölkerung ein Klima des Misstrauens und der Angst zu kultivieren. Als Historikerin mit Fokus auf der deutschen Geschichte kommt mir auch dieses Vorgehen bekannt vor. Jedoch denke ich dabei intuitiv nicht zuerst an den deutschen Faschismus im Nationalsozialismus, obwohl es nicht unmöglich ist, dass die Gestapo (Geheime Staatspolizei) unter Hitler ähnlich vorgegangen ist. Stattdessen fühle ich mich an das Ministerium für Staatssicherheit der, sich offensiv als antifaschistisch deklarierenden, DDR erinnert. Die Ähnlichkeiten in den geschilderten Methoden der pragmatisch als „Geheimdienste“ zu bezeichnenden Organisationen sollen keinem Diktaturvergleich dienen. Jedoch lösen sie in einem als Besucherin unweigerlich etwas aus. Das Gefühl, etwas wiederzuerkennen, inhaltliche Parallelen – wenn auch in einem anderen Rahmen – gefunden zu haben, eine Erkenntnis für ideologieübergreifende Werkzeuge der Meinungsunterdrückung und Machterhaltung.

Zwischen Tätern und Leidtragenden

Das zweite Stockwerk des Hauses und der Ausstellung widmet sich nun ausführlicher dem Widerstand gegen das mittlerweile gut gesicherte Regime in den Jahrzehnten ab 1930. Die Anordnung und Reihenfolge der Informationen erschließen sich nicht unbedingt. Während man im Ersten Stock bereits kurz in oppositionelle Aktivitäten eingestiegen ist, wird im zweiten Stockwerk zu einem neuen, in Kategorien von Menschengruppen einordnenden Modus gewechselt. Dabei geht Ausstellung nicht chronologisch vor. Je nach Thema und Kategorie springt sie häufiger zwischen den Jahrzehnten. Dieses System sorgt für Verwirrung und erfordert besonders ohne großes Vorwissen zur portugiesischen Zeitgeschichte die Bereitschaft, sich von chronologischer Geschichtserzählung zu lösen. Gleichzeitig wirft es die Frage auf, ob Widerstand und Opposition gegen ein Regime in ihre Zeitabfolge geordnet werden sollten. Sich stattdessen den gesellschaftlichen und beruflichen Gruppen und ihrem Widerstand gegen die Diktatur unter dieser Kategorisierung punktuell zu widmen, ergibt nach anfänglicher Irritation jedoch Sinn. Dabei wird deutlicher, aus wem dieses Land bestand und wie diese jeweiligen Gruppen von der Diktatur beeinflusst wurden.

Foto: Esther Kaack 2023

Die Geschichte der portugiesischen Kolonien und ihr Unabhängigkeitskampf finden in den thematischen Abschnitten der Ausstellung regelmäßige Erwähnungen. So war die PIDE auch in den Kolonien aktiv und ließ Menschen von dort aus in portugiesische Gefängnisse oder Lager, z.B. auf den Azoren einsperren. Sehr ausführlich wird sich der politischen Gefangenschaft gewidmet. Haftbedingungen, der Vorgang bei den Ermittlungen, sowie die Gewalt, die an den Häftlingen verübt wurde, werden anschaulich dargestellt und mit einem Film bestehend aus Zeitzeug:inneninterviews begleitet. Interessant ist in Bezug auf diese Menschenrechtsverletzungen die Information, dass die PIDE 1957 von der CIA ausgebildet wurde und somit das Handwerkszeug zur Unterdrückung liberaler, sozialistischer oder kommunistischer Opposition vom amerikanischen Auslandsgeheimdienst erlernte. Das zweite Stockwerk schließt mit der szenographischen Nachstellung von Haftzellen, die die Authentizität des Ortes veranschaulichen, ab. Dieser Abschnitt erinnert an eine Gedenkstätte, ohne dass man Gefahr läuft, die Räume als im Original genutzte Zellen misszuverstehen. Es wird mit Zeitzeug:inneninterviews, persönlichen Objekten und Zeichnungen der ehemals Inhaftierten gearbeitet, was ein Gefühl der Betroffenheit hervorruft.

Plötzlich: Revolution

Definitive Schwachstelle des Museums ist die fehlende Verbindung zwischen Widerstand und Revolution am Ende der Dauerausstellung. Nachdem sich ein großer Teil der Räumlichkeiten im dritten Stock den Kolonialkriegen und Unabhängigkeiten der einstigen portugiesischen Kolonien, die eine hoher Sterblichkeit mit sich trug, widmet, steht man plötzlich unvermittelt „in“ dem 25. April 1974, dem Tag der von Nelken geschmückten Revolution. Große Fotos zeigen das Militär und die Panzer, die an diesem Tag durch die Altstadt Lissabons rollten. Welche Personen wann und wieso diese Revolte geplant und leitend umgesetzt haben, wird jedoch nicht erläutert. Der Zusammenhang und die Entstehung dieser langfristig erfolgreichen Revolution werden an keiner Stelle deutlich. Dabei ist die Bedeutung dieses nationalen Ereignisses allein anhand der Raumgestaltung unübersehbar. Ihr Kontext wird unerklärlicherweise jedoch ausgespart, was eine unbefriedigende Leerstelle in der Ausstellung und Besuchserfahrung hinterlässt.

Erinnerungskultur?

In der Ausstellung wird sehr offen mit den Menschenrechtsverletzungen in der Diktatur, sowie den blutigen Kämpfen in den Befreiungsbestrebungen der portugiesischen Kolonien umgegangen. Diese Informationen und Perspektiven sind in der Museumslandschaft Portugals keinesfalls allgegenwärtig, wie man es von den Museen in Deutschland gewöhnt ist. Das Aljube- Museum kann damit eine Möglichkeit zur Aufarbeitung und zur Entwicklung einer Erinnerung daran eröffnen. Dass dies der einzige Ort ist, der niedrigschwellig über den Estado Novo informiert, ist aus deutscher Perspektive durchaus irritierend. Zurecht wird hierzulande häufig kritisiert, dass z.B. die koloniale Vergangenheit Deutschlands zu wenig Raum in historischer Bildung und Kultur findet. Doch dass man in jeder größeren deutschen Stadt zumindest etwas über den Zweiten Weltkrieg und den Nationalsozialismus erfahren kann, wenn man das möchte, scheint an dieser Stelle trotz der Notwendigkeit einer Erinnerungskultur, eine Besonderheit zu sein.

Fotos: Esther Kaack 2023

Museu do Aljube Resistência e Liberdade, Lissabon, Portugal

Gestaltung: Henrique Cayatte

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