„1997 Fashion Big Bang“ im Musée Palais Galliera, Paris – von Nicole Guether

Der von Michel Gaubert kuratierte Soundtrack zur Ausstellung gibt uns in einem Mix aus bassdrum-lastigen Tracks und Hip Hop, sinnlicher Melancholie à la Erica Badu und symphonischen Beats sowie, selbstverständlich, einer ordentlichen Portion Britpop, den rasanten und polyglotten Rhythmus des Modejahres mit aufs Ohr.

Das Jahr 1997 sah das Heraufziehen des ziemlich nackten Pornochics und schwelgte doch noch immer im fragwürdigen Heroin Chic, es war Hommage auf antike Mythologie und zeigte von Insekten inspirierte futuristische Silhouetten. 1997 war ebenfalls das Jahr, in dem die japanische Designerin Rei Kawakubo mit ihren ausgestopften und deformierten Körperformen einen Widerspruch zum herrschenden Körperideal lieferte, während Olivier Theyskens und Lacroix romantische Korsagenkleider schufen.
1997 konnte man noch das wilde Zusammenfügen verschiedener Kulturen als Multikulturalismus zelebrieren und provokativ Models halb entblößt, halb verschleiert auf den Runway schicken. Das Jahr markiert einen Wendepunkt in der Geschichte der Mode, der in die Globalisierung des 21. Jahrhunderts überleiten sollte, ohne jedoch von ihren Herausforderungen schon betroffen zu sein. Es war vielleicht die letzte Zeit grenzenloser Unabhängigkeit, in der sich die Modewelt noch selbst genug war.

Big Bang!

Die Ausstellung im Pariser Modemuseum Musée Palais Galliera nennt das Jahr „une année décisive dans l’histoire de la mode contemporaine“. Darin folgt sie der 1997 erschienenen Ausgabe der Pariser Vogue, die angesichts der Frühjahr-Sommer Kollektionen der Modewelt den dringend erforderlichen Urknall aus dem Dämmerschlaf einer anhaltenden Krise bescheinigt hatte, in den sie versunken war. Heute nur noch schwer vorstellbar, gab es gerade noch 15 von nach dem Zweiten Weltkrieg bestandenen 200 Modehäusern der Stadt. Häuser wie Gucci standen gar kurz vor dem finanziellen Bankrott und die einst fulminante Haute Couture war ein trauriger Anklang ihres früheren Selbst.
Als Reaktion auf die Krise nominierten Givenchy und Dior mit Steve McQueen und John Galliano zwei Bad Boys aus Großbritannien, die in der Tat neues Interesse an der Haut Couture und Paris weckten. Auch mit dem Vorstoßen der Enfants terribles der 80er Jahre zur Haute Couture, Jean-Paul Gaultier und Thierry Mugler, sowie die Berufung u.a. der gerade 25 Jahre jungen Stella McCartney, Tochter der Beatles Legende Paul, als Nachfolgerin Karl Lagerfelds zur französischen Marke Chloé, herrschte Aufbruchstimmung an der Scheide zum Millennium. Es war die Inauguration einer neuen Designergeneration, die bis heute wirkt.

Konzept und Gestaltung

Der Aufbau der Ausstellung ist als chronologischer Rundgang konzipiert, der in einem konzentrischen Kreis durch den Salon d’honneur und die Grand Galerie führt. In den links und rechts angrenzenden Seitenräumen werden besondere Ereignisse und Items des Modejahres präsentiert. Sie runden die Erzählung mittels der 50 Kleidungstücken als Zutat ab, indem sie u.a. Einblicke in die tragischen Ereignisse wie dem Tod Gianni Versaces und Lady Dianas geben, aber auch vom heute bizarr scheinenden katholischen Weltjugendtag in Paris.
Das Entree im Salon d‘honneur ist einem Laufsteg nachempfunden, nur das wir uns beim Betreten der Ausstellung sozusagen hinter den Kulissen einer Modeschau in dem Bereich befinden, von wo aus Designer aufgeregt das Geschehen bestimmen und verfolgen. Das Flackern des mit Lasern erzeugten Titels auf der Verlängerung des mittigen „Laufstegs“ ist einziges knalliges Gestaltungsmittel. Im eleganten und klassischen Schwarz-Weiß der Räume lenkt nichts von der Mode ab, die auf meist strahlend weißen Mannequins vor hohen Wänden präsentiert wird.

Foto: Nicole Guether 2023

Aus den Frühjahr/Sommer- und Herbst/Winter-Kollektionen für die Prét-à-Porter und Haute Couture von Tom Ford, Comme des Garcons, Ann Demeulemeester, Alexander McQueen und Co. werden nur wenige ausgewählte Designs gezeigt, manchmal lediglich ein Teil. Die Kreationen sind teils übergreifend thematisch gruppiert, oder werden über Blickachsen in dialogische Verbindung gebracht, andere stehen wiederum allein und werden auch räumlich mit Leerstellen isoliert.

Damit werden besondere „Schocker“ hervorgehoben, darunter scheinbar vor allem solche, die heute wohl vergleichsweise, wenn auch aus anderen Gründen, für weit mehr Aufruhr sorgen würden. Darunter fällt das vom japanischen Kimono inspirierte Kostüm von Alexander McQeene für das Album „Homogenic“ der isländische Sängerin Björk. Es wird skulpturenhaft in einer Vitrine präsentiert, was sein Mythisches noch betont, jedoch inkomplett ohne die weiteren Versatzstücke aus den Kulturen der Ndebele, Birmanen und Hopi. Die ehemals ungezwungene Verschmelzung unterschiedlicher Kulturen zu einem Modeensemble würde heute als kulturelle Aneignung für Aufschreie sorgen. Stattdessen wurde es damals als Feier eines schrankenlosen Multikulturalismus wahrgenommen. So verschieben sich Wahrnehmungen auch durch und innerhalb der Mode.

Foto: Nicole Guether 2023

Multikulturalismus und Provokation

Mit dem Auge des heutigen Betrachters rücken einige der 1997-Schocker in neue Perspektiven. Interessant ist daher die Frage nach der Verschiebung des Schockierenden während der vergangenen 26 Jahre. Würde der vom G-String völlig frei gelassene blanke Hintern von sowohl weiblichen als auch männlichen Models heute Schock sein? Und wie sieht unser heutiger Umgang mit den Skandalen von damals aus?

Das berüchtigte défilé am Ende der „Between“-Show von Hussein Chalayan ist in der Ausstellung nicht mit einer Fotografie der sechs Models im unterschiedlich langen schwarzen Schador repräsentiert, auch nicht mit einem Original. Einziger Hinweis am Ende der Ausstellung ist eine Fotografie, die in einem Leuchtkasten zwar groß gezeigt wird, aber als Bodeninstallation gleichsam aus dem Rahmen der Ausstellung fällt. Ein Objekttext erläutert, dass nach Absprache mit dem Designer selbst, aus Gründen der religiösen Rücksichtnahme, nur ein Foto von den eher harmlosen weißen Schadors gezeigt wird. Das hat etwas von Geschichtsrevisionismus, zeigt aber deutlich, was sich alles verändert hat.

Foto: Nicole Guether 2023

Rethinking the human shape: Wenn Mode Entwicklungen antizipiert

Wird die Modewelt aktuell durch Feminismus, Inklusion, Ökologie und der Debatte um kulturelle Aneignung herausgefordert, bleibt der Eindruck, dass 1997 jene Debatten aufbrachen, aber noch in den Kindeschuhen liefen. 1997 war vielleicht das vorerst letzte Jahr, wo mit Schocks ungestraft provoziert werden konnte.
Dazu gehören die vielfältigen Ansätze zur Neuformulierung der weiblichen als auch männlichen Form, denen gleichwohl Korsagen bei Yokji Yamamoto, Lacroix, Dior & Co. weiterhin, nun ziemlich anachronistisch wirkend, entgegenstehen. Auf deren teilweise schmerzhaften (Ver-) Formungen des weiblichen Körpers in der Geschichte der Mode machte die Deformation in der Kollektion von Rei Kawakubo aufmerksam. Ann Demeulemeester androgynisierte die weibliche Figur, während Raf Simons in der epochemachenden „Black Palms“-Show eine völlig neue Vision des Mannes vorführte: Anstelle des seit Jahrzehnten gängigen Modeltyps des athletischen Beach Boys, ließ Raf Simons erstmals schlaksige Teenager und blasse Skater laufen, wie wir sie erstmals als Protagonisten im Jahr zuvor in dem Film „Kids“ zu sehen bekamen. Insgeheim entspricht das zwar einer retardierten Übernahme des Heroin Chics auf den männlichen Körper, aber dieses „andere“ männliche Körperbild hat bis heute Geltung.
Deformation, Androgynisierung und Feminisierung antizipieren 1997 die aktuelle Geschlechtsfluidität, die einen Höhepunkt im Entwurf Jean-Paul Gaultiers für die Rolle des Ruby Rhod aus dem Film „Das Fünfte Element“ von Luc Besson erfuhr. Die weit über die Cis-Binarität hinausgehende Silhouette war damals zwar noch mehr ironischer Gag, aber heute zeigt sich erst, wie weitsichtig sie tatsächlich war.

Wo bleiben die Debatten?

Mit Tom Fords G-String, der ersten It-Bag mit der Fendi “Baguette”, dem legendären Shirt von U2-Sänger Bono, dass durch die Parodie in der US-amerikanischen TV-Show „Simpsons“ noch mal mehr Aufmerksamkeit erhielt, oder der Gründung des ersten Konzeptstores „Colette“ in Paris und der Erweiterung in den virtuellen Raum, brachte das Jahr 1997 vieles hervor, was mittlerweile Mainstream ist. Das Ende der politischen Bipolarität am Anfang des Jahrzehnts war der Beginn der Pluralität einer globalisierten Welt.

Der Ausstellung geht es selbst jedoch nicht um Debatten, sie will schwelgen und aufzeigen, inwiefern das Jahr 1997 ein gutes Vierteljahrhundert später noch Geltung hat. Das ist insofern schade, weil der Mode damit ihre Ernsthaftigkeit und Einflusskraft genommen wird. Andererseits entspricht dieser Reflex, alles in die Debatte bringen zu müssen, vielleicht auch zu sehr unserer aktuellen Zeit.
Sich diesen Debatten in der Ausstellung nicht zu stellen und nur ansatzweise in den Objekttexten zu formulieren, relativiert die eigene These vom Urknall. Mancher „Urknall“ von einst ist wiederum heutigen Betrachter:innen vielleicht gar nicht mehr so verständlich, manch andere hingegen wirken heute wohl umso krasser und bedürften einer tiefergehenden Auseinandersetzung. Dass beispielsweise aktuell der Heroin Chic zurückgerufen wird (den doch der Überdosistod des Fotografen Davide Sorrenti 1997 angeblich beendet hatte) und dass damit heute die Body Positivity Bewegung ans Ende angelangt scheint, ist genau genommen ein gewaltiger Rückschritt hinter die Entwicklung von 25 Jahren.

Fazit

Die Ausstellung will elegant sein und die Opulenz mancher Designs nicht in der Gestaltung der Räume wiederholen, sondern ihr Minimalismus entgegenstellen. Die fast schon düster zu nennende Präsentation steht der einschlagenden Wirkung des Jahres 1997 optisch diametral entgegen, zumal auch auffallend viel Schwarz in den gezeigten Modellen vorkommt. 1997 war ziemlich viel Gothic-Punk und wirkt in dieser Retrospektive gar nicht so hedonistisch wie ihm nachgesagt wird.
Alles in allem eine sehr unkritische Schau, die feiern will, was bis heute als Referenz in der Mode nachwirkt und doch den großen Knall von einst gleichsam herunterdimmt, um bloß nicht ins Fettnäpfchen zu treten und heute weit heftigere Debatten heraufzubeschwören. Das kann man verübeln, oder man akzeptiert, dass nicht jede Ausstellung mit historischem Wert diesem Anspruch bis ins Detail gerecht werden muss. Der Big Bang, den die Vogue damals verkündete, bleibt damit Geschichte.

Palais Galliera, Musée de la mode de la ville de Paris

Kuratierung: Alexandre Samson und Louise Habert

Texte englisch und französisch

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