Das Deutsche Historische Museum in Berlin, gleich neben der Neuen Wache im alten Zeughaus, hat sich den Kapitalismus zum Sommerthema auserkoren. Im Februar war die Karl Marx-Ausstellung eröffnet worden und mittlerweile läuft die Partnerausstellung „Richard Wagner und das deutsche Gefühl“. Hier ist weniger der Kapitalismus Thema, aber ein Kapitalist wie er im Buche steht.
Im Sinne einer noch jungen Geschichte der Emotionen entfaltet die Ausstellung anhand von vier Gefühlen, die „als treibende Kraft die Zeitumstände wie auch Wagners Vorstellung prägten“, ihre thematische Grundstruktur: Entfremdung, Eros, Zugehörigkeit und Ekel. Die Ausstellungsmacher:innen um Kurator Michael Steinberg nehmen, indem sie die Person Wagners (1813-1883) ins Zentrum ihrer Betrachtungen stellen, Bezug darauf, dass Wagner wie kaum ein anderer seiner Epoche einen gefühlsmäßigen Zugang zur staatlich verordneten, neuen Nation verfolgt hat.
Aufbau: Emotionen als Narrativ
In der chronologisch-biografischen Erzählweise werden die komplexen Zusammenhänge der vier Gefühle breit vor uns ausgelegt und mit den historischen Begebenheiten verknüpft. Mit einer Fülle aus rund 500 Exponaten, darunter etliche originale Schriftstücke, Manuskripte und Bücher, Noten und Partituren, Karikaturen und Fotos, Gemälde, Nippes und private Devotionalien, wird vom großen Musikavantgardist, Philosoph und Kunstunternehmer Wagner erzählt. Der Komponist Wagner tritt in den Hintergrund dieser historisch zu verstehenden Ausstellung. Wie in der Marx-Ausstellung wird sich der kontroversen Person über ihre Epoche angenähert, um objektive Distanz zu wahren.
Das entspricht dem Konzept des Kurators Steinberg, US-amerikanischer Spezialist für deutschsprachige Kulturgeschichte mit besonderem Augenmerk auf die Geschichte der deutsch-jüdischen Intelligenzija, Wagner und dem heutigen Problem mit ihm durch Kontextualisierung beizukommen. Denn die Musik müsse „mit dem Mann, das Werk mit dem Denken und Ideologie zusammen präsentiert werden.“

Wie Wagner die kollektiven Stimmung aufgenommen und künstlerisch verarbeitet hat, um sie selbst zu beeinflussen und zu schüren, wird in den Soundstationen aufgegriffen. Die Musik kommt dann zum Tragen, wenn aufgezeigt wird, wie Wagner das Publikum zum ›Fühlen‹ anleitete, vor allem ›deutsch‹ zu fühlen lehren wollte. In ausgewählten Opern-Auszügen wird den thesenartigen Gefühlen nachgespürt, wie ein Intro fungieren sie gleich zu Beginn der Stationen. So stehen die Opern „Tristan und Isolde“ für das Eros, während Wagners letztes Werk „Parsifal“, der mit seinem Thema vom „guten und schlechten Blut“ für das Abschlusskapitel „Ekel“ herangezogen wird. Die auf wenige Minuten zusammen gezurrten Stücke erschließen sich allerdings bloß Kennern von Wagners Musik. Ein Publikum von Wagner-Novizen werden sie nur unzureichend überzeugen.
Zwischen Eros und Ekel, Entfremdung und Zugehörigkeit
Wagners unnachgiebiges Verlangen nach Anerkennung, Ruhm und Reichtum sowie sein unersättliches Begehren, das außerhalb der damaligen Konventionen stand, wird unter „Eros“ verhandelt. Das empfundene „Entfremden“ wird mit den politischen und sozialen Krisen, schließlich Exil sowie der vermissten finanziellen Anerkennung verbunden; sein Wunsch nach der „Zugehörigkeit“ zu einem Staat, der ihm jene sichern sollte, steht in Einklang mit dem Nationalbestreben und der Suche nach deutscher Identität.

Wer dazugehörte, und wer nicht, gewann in Wagners Werk wie in der Gesellschaft zunehmend an Bedeutung. Dem ist das letzte Kapitel „Ekel“ gewidmet, das darauf verweist, dass sich Ablehnung und Ausgrenzung im 19. Jahrhundert allzu sehr auf antisemitischen Grund stellten. Wir begegnen in der Sektion zunächst medizinischen Geräten und Objekten, denn über das wirkmächtige Bild des Körpers werden hier sinnbildlich Vorstellungen des „Anderen“ und Gefühle wie Abscheu veranschaulicht. Trotz aller wissenschaftlich-rationaler Errungenschaften auf dem Gebiet des Körpers, der simple wie gefährlich durchschlagende Gedanke vom „Anderen“, den nicht zuletzt auch Wagner in seinen Werken mit antisemitischen Figurenzeichnungen und sprachlicher Ausgestaltung mit antijüdischen Ressentiments nährte, hatte die verführerischere Wirkung.

Im Kapitel „Ekel“ intendieren die Macher:innen dann selbst Emotionen hervorzurufen: In der Klangcollage „Schwarzalbenreich“ von Barrie Kosky, Chefregisseur und Intendant der Komischen Oper Berlin, vermischen sich historische Aufnahmen mit ins Jiddische übersetzte antisemitische Zitate. Im geschlossenen, lichtlosen Raum wird Unbehagen durch den unheimlichen Sound geweckt. Vor diesem „Panikroom“ wird draußen auf einer kleinen Tafel gewarnt. Nichtsdestotrotz verliert sich die Wirkung, zumal für all jene, die mit Jiddisch unvertraut sind. Das Unbehagen begrenzt sich somit auf das Unverständnis.
Wie von einem ›ungeheuren‹ Genie erzählen? Wagner ist ein deutsches Problem
Ob mit Unbehagen, aufgrund des maßlosen Antisemitismus und der posthumen Verehrung im NS-Staat, oder mit Begeisterung für seine musikalische Grandiosität: Die Auseinandersetzung mit Wagner geschieht hierzulande widersprüchlich. Kann man die Schöpfung lieben, wenn man den Schöpfer hasst? Lässt sich das künstlerische Werk von der Person Wagner trennen, um ihn überhaupt noch spielen zu können? Dazu liefert die Ausstellung keine direkten Antworten.
Dieser Widerspruch sei jedoch ausschließlich ein ›deutsches‹ Problem, das sich hierzulande als Folge der Shoa ergibt. Der unverhohlene Antisemitismus in Wagners Musik, so Steinberg, Autor des 2018 erschienenen Buchs „Trouble with Wagner“ und Dramaturg des Nibelungenring an der Mailänder Scala, müsse jedoch im Kontext seiner Zeit gesehen werden und könne durch Kommentierung, Einordnung und neuen Formen der Inszenierung begegnet werden.

Wagners Wirkung über seinen Tod 1883 hinaus wird am Ende der Ausstellung nur verkürzt dargestellt. Dass mag insofern folgerichtig sein, als vom handelnden Wagner erzählt werden soll. Doch lässt sich das Nachleben dieser Person, das Idol und nach heutigen Standards auch Scheusal war, Großes geleistet, aber ebenso Fatales posthum bewirkt hat, aus einer historischen Betrachtung ausblenden?
Fazit
Kurator Steinberg hat sich keine leichte Aufgabe gestellt, wenn er Gefühle zum Ausgangspunkt seiner Ausstellung macht. Aber damit will ihm der Brückenschlag zu eben jener Person gelingen, die mit ihrem Werk Emotionen hervorzubringen beabsichtigte und mittels rückwärts bezogenen, auf Mythen basierenden Erzählungen vor allem ‚deutsch“ fühlen lassen wollte. Das Überbordete und Gewaltige seiner Musik spiegeln inszenierten Pomp und Gloria des Kaiserreichs wider, in ihr sind auch das Pathetische und die Melancholie der ›deutschen Seele‹ angelegt.

Dass von den Ausstellungsmacher:innen eine kollektive Gefühlswelt mit der Wagners zusammen auf gerade einmal vier Grundgefühle simplifiziert wird, kann nur gelingen, da diese vielschichtig interpretiert werden. Außerdem erfahren wir, dass Wagner luxusversessen, enthemmt, egoistisch, rücksichtslos, illoyal und opportunistisch war. Ein Narzisst sondergleichen. Indem Wagners Selbstwahrnehmung des philosophischen Schriftstellers in der Ausstellung die meiste Zeit über deutlich aufrechterhalten wird, werden, auf rein faktischer Grundlage, Argumente hinsichtlich der Frage geliefert, ob ein musikalisches Werk grundsätzlich antisemitisch sein kann. In den originalen Schriften und nicht zuletzt über seine Musik selbst, kommt Wagner dazu zu Wort.
Und Wagner kommt in der Tat reichlich zu seinen Ergüssen. Dass ist bei der Schärfe seiner Worte, die oft schwer verdaulich sind, schon ungewöhnlich. In Zeiten von intensiv diskutierter „cancel culture“ und neuerdings ausgestellter antijüdischer Figurenzeichnungen auf offener Bühne, ist derartige Offenheit fast schon provokativ, gleichwohl in diesem Fall wichtig. Denn Präsentieren heißt nicht befürworten, solange nicht im luftleeren Raum Platz für unkommentierte, antisemitische Hasstiraden gemacht wird.
Die Ausstellungsgestaltung ist gleichwohl – milde gesagt – einfallslos, und damit so ganz anders als ihr inhaltlicher Zugang. Hinter transparenten Vorhängen sind Reproduktionen von Wagner Figuren schemenhaft zu erspähen, wie hinter einem ziemlich pathetischen Schleier der Zeit oder Vorhang des Vergessens. Was der Mehrzweck dieser Art der Präsentation ist, bleibt fraglich. Es gibt in vielen Vitrinen viel zusehen, und für den, der die Muße aufbringt, auch viel anzulesen. Nur bietet sich kaum Platz dafür. Besucher:innen wurden in der Gestaltung offensichtlich wenig mitgedacht. Der gesamte Raum bleibt fade und nüchtern, aber vielleicht soll das ja beruhigend dem Inhaltlichen entgegenwirken.



Fotos: Nicole Guether 2022
Schade ist ebenfalls, dass sich die Ausstellung ausschließlich an ein gediegenes und gehobenes Publikum wendet. Jugendlichen, anders als in der Marx-Ausstellung, wird leider kein Zugang geschaffen. Vielleicht waren die Verantwortlichen der Ansicht, dass die Thematik eh nur ältere Semester ansprechen wird. Dabei ist es so wichtig, gerade Jüngeren von dieser Umbruchszeit erneut zu berichten.
Den Anspruch „durch die Betrachtung beider Personen“, die erstaunlich selten zusammen untersucht werden, und „ihrer Werke hindurch ein neues Bild des späten 19. Jahrhundert schaffen, und seine Bedeutung für die Gegenwart“ reflektieren, wird altbewährt einseitig vorgenommen. Und das ist die Krux dieser Doppelausstellung, die von zwei Männern handelt und die weibliche Perspektive komplett ausspart. Marx und Wagner hätte man für diesen Anspruch um eine Hedwig Dohm oder Louise Otto-Peter erweitern müssen. Wir sollten jene Marginalisierten, die es trotz aller Hürden, erstaunlich viele gab, endlich in der Bedeutung wahrnehmen und ernsthaft in den Diskurs einbinden.
Von den großen und widersprüchlichen Männern der deutschen Geschichte
Als zweiter Teil der großen Doppelausstellung wird anhand von Wagner die Gefühlswelt des im rasanten Umbruch befindlichen 19. Jahrhunderts thematisiert. Was bewirkte die Industrialisierung, Modernisierung und die aus Krieg geborene Nationalstaatlichkeit auf Gefühlsebene? Das gefährliche Gebräu des ›deutschen Gefühls‹ zwischen Entfremden und Zugehörigkeit, Eros und Ekel, das Wagner seismografische erfasste und künstlerisch umzusetzen wusste, war ein beklemmendes, rückwärtiges, voller Leiden und Ängste.
Wird in der Marx-Ausstellung noch seine beständige Gegenwärtigkeit betont, seine biografische Aktualität hervorgehoben, so spart sich das Team um Steinberg diesen Bezug zum Antisemit Wagner. Das ist angesichts des wiedererstarkenden Antisemitismus eine allzu deutsche, weil ängstliche, Aussparung. Beide Ideologien, für die Marx und Wagner Pate stehen, erleben eine Renaissance. Eine ähnliche Umfrage, wie sie als Einstieg zu Marx eingesetzt wurde, wäre für Wagner daher ebenso interessant gewesen. Wird der alljährlich im Festspielhaus gehuldigte Wagner noch so breit als Gefahr wahrgenommen, wie das zuweilen bei Marx auszumachen ist?
Wagner braute mit an dem Gebräu, das nach ihm überkochte. Er steht am Anfang des deutschen Nationalismus und Antisemitismus. Seine Schriften wie seine Musik lassen keine Zweifel, sie politisierten Emotionen, überhöhten und übersteigerten sie. Emotionen sind politisch, dass zeigt sich auch in unserer heutigen Epoche.
„Richard Wagner und das deutsche Gefühl“, Deutsches Historisches Museum, Berlin
8. April bis 11. September 2022
Kuratierung: Michael P. Steinberg; Katharina J. Schneider
Gestaltung: merz merz gmbh & co. kg, Berlin



















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