Etwa 26 Millionen Menschen – Frauen, Kinder und Männer – wurden insgesamt ins Deutsche Reich und in die besetzten Gebiete zur Zwangsarbeit verschleppt. „Niemand konnte während der NS-Zeit in Deutschland leben ohne ihnen [den Zwangsarbeiter:innen, N.G.] auf Schritt und Tritt zu begegnen“, heißt es einführend um mit der Ausflucht des „Nicht-gewusst“ aufzuräumen.
Es ist das letzte in Berlin noch weitgehend im Originalzustand erhaltene NS-Zwangsarbeiterlager, eines von ehemals mehr als 3000 im Stadtgebiet. Inmitten der Wohnsiedlung entlang der Britzer Straße in Schöneweide, wo die Balkone der gründerzeitlichen Häuser direkt hineinblicken, ist es ein eindrücklicher Gedenkort für ein wenig bekanntes Kapitel deutscher NS-Geschichte.

NS-Zwangsarbeitssystem als behördlich organisiertes Verbrechen
Im Schlepptau der Wehrmacht rückten unmittelbar auch die Arbeitsämter in die eroberten Gebiete vor, wo sie zivile Zwangsarbeiter:innen rekrutierten – gerade zu Beginn hatte sich viele unter den falschen Versprechungen der Nazis auch freiwillig gemeldet – und erfassten, um sie den Arbeitsstätten zu zuteilen. „Bedarf“ meldeten Unternehmen, Betriebe, aber auch Privathaushalte dem Arbeitsamt an, alles weitere war Formsache.
Insgesamt gab es reichsweit schätzungsweise 30.000 Lager für die Millionen von Menschen, die unter härtesten Bedingungen Arbeit leisten mussten, um die deutsche (Kriegs-)Wirtschaft aufrechtzuerhalten. Eingesetzt wurden sie vom landwirtschaftlichen Betrieb bis zur Industrie in allen Bereichen der Wirtschaft. Bezahlung, Tätigkeit, Arbeitsumfang, letztlich der gesamte Arbeitsalltag wurde entsprechend der rassistischen NS-Ideologie nach der Herkunft der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter bestimmt. In der Hierarchie an unterster Stelle standen die aus der Sowjetunion verschleppten sogenannten „Ostarbeiter“.

In Berlin, das bis 1945 die wichtigste deutsche Industrie- und Handelsmetropole war, wurden sogenannte „Fremdarbeiter“ seit der Annexion vom „Protektorat Böhmen und Mähren“ eingesetzt. Bis Sommer 1944 stand jeder fünfte zwangsweise an einer Werkbank. Viele Großunternehmen, wie Siemens verlagerten ihre Produktionen vor die Tore der Stadt und betrieben nicht selten zusätzlich eigene Lager in Konzentrationslagern.
Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit
Das Barackenlager, im NS-Jargon schlicht „GBI 75/76“ genannt, wurde ab Ende 1943 unter Leitung Albert Speers errichtet und sollte ursprünglich 2.160 Personen fassen. Es bestand aus dreizehn Unterkunftsbaracken und einer Wirtschaftsbaracke mit Küche, Speisesaal und Duschen. Die durchgehende Nutzung auch nach dem Krieg – so irritierend dies auch sein mag angesichts der grauenvollen Geschehnisse an diesem Ort – trug schlussendlich zum Erhalt bei, lediglich zwei Baracken existieren nicht mehr.
Befremdlich ist dennoch, dass noch heute ehemalige Baracken gewerblich genutzt werden, u.a. von einer Kegelgaststätte, einer Kita und einem BMW-Autohaus – Letzteres ist Ironie der Geschichte, vermehrten doch die heutigen BMW-Haupteigner, die Quandts, ihr Vermögen als Kollaborateure des Regimes und profitierten auch von Zwangsarbeit.
Geländeplan und Blick über das Gelände des Dokumentationszentrums (Fotos: Nicole Guether, 2026)
Das Gelände des Dokumentationszentrums erstreckt sich seit der Eröffnung 2006 über die Baracken 1 bis 6. 2008 kam mit „Baracke 13“ ein weiteres Gebäude hinzu, das nach dem Krieg kaum umgebaut, den authentischsten Eindruck über die Unterkunftsbedingungen der Zwangsarbeiter:innen vermittelt. Sie kann ausschließlich im Rahmen von Führungen besichtigt werden.
Am historischen Ort des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers präsentiert das Dokumentationszentrum in den Räumen ehemaliger Baracken dauerhaft zwei thematische Ausstellungen und zeigt jährlich wechselnd eine Sonderausstellung (aktuell: „Trotzdem da!“ zu Kindern aus verbotenen Beziehungen und von Zwangsarbeiter:innen).
Dauerausstellung „Alltag Zwangsarbeit 1938-1945“
In der ehemaligen Baracke 2 wird die Geschichte der NS-Zwangsarbeit „als allgegenwärtiges Massenphänomen“ erinnert. Wie sah der Alltag der zur Arbeit verschleppten Jugendlichen, Frauen, Kinder und Männer aus? Was hielten die Lager bereit, woran fehlte es und wie stand es um den Kontakt mit Deutschen?



Ausstellungsräume Baracke 2 (Fotos: Nicole Guether, 2026)
Die Ausstellung führt in fünf Kapiteln durch die gesamte Länge des Baus. Zum Auftakt begegnen wir den Opfern von Zwangsarbeit in den Fotografien einer Installation niedriger Podeste. Darauf folgt das Kapitel zum perfiden, bürokratischen System, mit dem die Zwangsarbeit organisiert wurde. Ankunft, Verteilung und Weitertransport der Zwangsarbeiter:innen wurden NS-typisch logistisch gelöst.
Anhand von historischen Objekten, Fotografien und seltenen Videoaufnahmen, Dokumenten, Projektionen, Karten, auch eines Modells des Lagers, werden die Organisation und der Alltag anschaulich deutlich. Parallel dazu werden ausgewählte Biografien vorgestellt, mit Hauptaugenmerk auf die Lebenswege der aus fast ganz Europa Verschleppten. Ihre Gesichter schauen uns in der Flucht des langen Flures entgegen. In den kleinen Nischen dahinter gibt es Informationen zu ihren Schicksalen. Eine Fotografie zeigt das Bild eines kleinen Mädchens. Ihnen werden deutsche Akteure gegenübergestellt – Helfer, Zuschauer, Profiteure und Täter.

Italienische Militärinternierte
Die Dauerausstellung „Zwischen allen Stühlen“ in Baracke 4 erzählt und erinnert an die Geschichte der etwa 650.000 italienischen Zwangsarbeiter. Es waren Soldaten und Offiziere, die als Kriegsgefangene ins Deutsche Reich verschleppt worden waren, nachdem Italien im September 1943 das Bündnis aufgekündigt hatte – Mussolini war zwischenzeitlich gestürzt worden und die alliierte Invasion Siziliens hatte begonnen. Indem man sie kurzerhand zu „Militärinternierten“ erklärte, umgingen die Nazis geltendes Völkerrecht und konnten deren Arbeitskraft ausbeuten.
Ausstellungsansichten (Fotos: Nicole Guether, 2026)
Hunger, Krankheiten und Gewalt prägten auch ihren Alltag und bis Kriegsende starben etwa 50.000 in Gefangenschaft. Die Überlebenden hatten nach der Rückkehr in ihre Heimat wie alle Zwangsarbeiter:innen indes mit fehlender Anerkennung zu kämpfen, insgeheim wurde ihnen Kollaboration vorgeworfen. Dabei waren die italienischen „Militärinternierten“ vor die Entscheidung gestellt worden, zu arbeiten oder für die Nazis in den Krieg zu ziehen.
Die Ausstellung spannt den Bogen von den Anfängen des faschistischen Bündnisses zwischen Italien und dem Deutschen Reich bis zur schmerzhaft späten Aufarbeitung bis weit in die Gegenwart hinein. Enorm viel Wissen findet sich hier zusammengetragen, sodass die Ausstellung gut als Einstieg in die Auseinandersetzung mit dem vernachlässigten Thema innerhalb eines zu wenig beachteten Geschichtskapitels genutzt werden kann.

„Baracke 13“
Der feuchte Spätwintertag im Februar macht den Besuch besonders eindrücklich, denn was vor allem zurückbleibt ist die Kälte, die vom Steinboden durch die Schuhe kriecht und von den Wänden und den Dunst beschlagenen Fenstern zurückstrahlt. Es ist um einiges kälter als draußen und bei der Vorstellung in diesen kahlen, unverputzten Räumen ohne ausreichende Beheizung – wenn man denn überhaupt etwas zum Verbrennen für die schmalen Kamine hatte – auf verwanzten Holzpritschen, übereinandergestapelt und eng nebeneinandergestellt, seine Nächte verbringen zu müssen, wird es einem noch kälter. Die sparsame Ausstellung in der Baracke hält auf milchglasigen Scheiben, die in den Räumen hängen, vor allem mit Zitaten die Erlebnisse von Zwangsarbeiter:innen selbst fest. Ansonsten wirkt ganz der Raum.
Fotos: Nicole Guether, 2026
Fazit: Langer Kampf um Anerkennung
Als die Stiftung Topographie des Terrors in Berlin-Niederschöneweide das Dokumentationszentrum initiierte, war das Thema NS-Zwangsarbeit fast vollständig vergessen. Zu lang war aus Scham und Vorverurteilung der Opfer [HB1]geschwiegen worden, zu eifrig hatte Deutschland darüber hinweggesehen. Erst in den 1990er Jahren kam es in den USA zu individuellen Klagen und rückte das NS-Verbrechen ins Bewusstsein. Die späte und oftmals verschleppte Entschädigung ist bis heute ein Armutszeugnis für Deutschlands Vergangenheitsbewältigung.
Die Biografien vieler Zwangsarbeiter:innen blieben nach dem Krieg gezeichnet: Viele konnten Berufe, wegen des Vorwurfs der Kollaboration nicht ausüben, viele litten an gesundheitlichen Langzeit- und Spätfolgen durch die schlechte Verpflegung und die schweren, oft riskanten Arbeiten.

Das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit bewahrt als Gedenkort die Erinnerung daran, dass Arbeit von den Nazis tagtäglich als Waffe eingesetzt wurde, mit der Millionen kontrolliert, ausgebeutet und nicht zuletzt getötet wurden. Es galt nicht einfach die Produktion aufrechtzuerhalten, sondern die eigene Macht zu demonstrieren. Körperlich anstrengende Arbeit bis zu 12 Stunden am Tag zu verrichten bei Minimalentlohnung war menschenverachtende Unterwerfungsstrategie. Auf der anderen Seite verklärten die Nazis die Arbeit – solange man „deutscher Abstammung“ war – als „Ehrendienst am deutschen Volke“. Dabei wurden damit zeitgleich die Massen kriegstauglich gemacht.
Wer nicht frei ist, seine Arbeit zu wählen, wie frei ist man überhaupt?
Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit (Teil der Stiftung Topographie des Terrors), Berlin,
Dauerausstellung „Alltag Zwangsarbeit 1938–1945“ (eröffnet 2013)
Gestaltung: büroberlin, Berlin
Dauerausstellung „Zwischen allen Stühlen. Die Geschichte der italienischen Militärinternierten 1943–1945“ (eröffnet 2016)
Gestaltung: ramićsoenario Ausstellungsgestaltung, Berlin
Die Dauerausstellung „Baracke 13“ (eröffnet 2010) ist nur im Rahmen von Führungen und gesonderten Öffnungstagen zugänglich.

























