Shaped by the most fashionable and ill-fated queen in history
Die unglücklichste aller Königinnen revolutionierte die Mode ihrer Zeit, indem sie dem Althergebrachten mutig (oder gelangweilt) entgegentrat. So führte sie u.a. das sog. English Dress bei Hofe ein, das aus Elementen bestand, die der Männermode entnommen waren wie kurze Jacken, breite Revers und lange Ärmel. Marie-Antoinette klaubte dafür von verschiedenen Höfen, kreierte ihren legendären Stil und setzte maßgeblich Trends. Eine Fashionista avant la lettre, heute wäre sie wohl Influencerin.
Mit ihrem Stil reizt sie anhaltend die Phantasien von Designern und Modeschöpfern an, die sich in schwindelerregenden Höhen der Inspiration versetzt sehen – wie ließen sich Frauen und Männer doch damals noch ausstaffieren!

Mode zur Abgrenzung und als persönliches Statement
Die französische Unglückskönigin (1755-93) österreichisch-habsburgischen Ursprungs ist die wahre Schillergestalt ihrer Epoche, und doch benennt man den Stil der Zeit nach ihrem farblosen Gemahl, Louis Seize. Das V&A stellt das zu Recht in Frage und merkt an, dass wohl eher vom „Marie Antoinette Stil“ gesprochen werden sollte. Wird hier der Versuch unternommen, Geschichte umzuschreiben, die dereinst von Männern geschrieben wurde?! Denn hätte der fahle König seinen Kopf nicht verloren, erinnerte man sich seiner überhaupt? Die junge Königin jedoch, die mit gerade vierzehn Jahren an den fremden Hof als Gemahlin des ebenso jungen Dauphin entsandt wurde, sie wagte in den engen Grenzen zumindest ihre eigene kleine Rebellion.

Opulente Inszenierung
Wie der Geschmack der Marie Antoinette, so ist auch die Gestaltung der vom Luxusschuhdesigner Manolo Blahnik gesponsorten Schau. Sie wechselt zwischen elegant, pompös und frivol, in jedem Fall extravagant und von bester Qualität. Mal (kunst-)historisch ernstzunehmend, dann wieder eher der derzeitigen Ästhetik auf den Laufstegen entsprechend, folgt man den Stationen ihres Lebens anhand ihrer Mode.




Alle Fotos oben: Ausstellungsansichten (c) Victoria & Albert Museum, London, 2025
Das Intro begrüßt in der trendigen Modefarbe ihrer Zeit, Erdbeerblond (damals puce genannt, Französisch für Floh). Die Protagonistin dieser Schau tritt in diesem anti-chambre in verschiedenen Porträts auf. Vom jugendlichen Anlitz bis zum staatstragenden Großformat im Court Dress mit Krone zu ihrer Seite (Élisabeth Louis Vigée Le Brun, 1783) – es waren genau die Bereiche, zwischen denen das Leben der Marie Antoinette verlaufen sollte.
Das berühmte Zitat der Mutter, Kaiserin Maria Theresia, wird als lebensbestimmendes Motto vorangestellt: All eyes will be on you. „Alle Augen werden auf dich gerichtet sein“, so warnte Maria Theresia 1770 die gerade Vierzehnjährige anlässlich ihrer Vermählung mit dem französischen Thronfolger. Dieser Ausspruch wird sich bis zum brutalen Lebensende in aller Öffentlichkeit auf dem Schafott auf der Place Louis XV. (heute: Place de la Concorde) bewahrheiten. Makaber: Das (vermutliche) Fallbeil wird ebenso ausgestellt.

Ein Leben unter permanenter Beobachtung, ganz so wie es die eiserne Etikette des Hofes vorsah. Rückzug fand die davon angewiderte Marie-Antoinette in späteren Jahren in ihren architektonischen Fluchträumen sowie in ihren Ausschweifungen in Prunk und der Sucht zur übermäßigen Toilette.
Der zweite Raum ist der erste Höhepunkt der Präsentation: Wände bis Decke im eleganten Schwarz, glitzernde „Kronleuchter“ baumeln herab, sphärische Musik erklingt. In der Mitte, in einer exorbitanten Vitrine, ein silbergewirktes Hochzeitskleid, wie es Marie-Antoinette so ähnlich getragen haben dürfte – wer sich ob der zierlichen Größe überrascht zeigt, der sei erinnert, dass hier Kinder vermählt wurden.

„Mehr“ als eine Königin: frühe Celebrity und Fashionista, oder: Ein Leben in Oberflächlichkeiten
Mit ihrer Lust an Zerstreuung und schönen Dingen, kreierte Marie-Antoinette ganze Industriezweige und legte auch das Fundament für Frankreich als modernem wirtschaftlichen Luxusstandort. Denn nur das Beste war selbstverständlich gut genug für die adelige Elite.
Es folgen in den weiteren Räumen viele schöne Nichtigkeiten, die Marie Antoinettes Tage und Nächte erfüllt haben: Schminktische und Sitzmöbel, Schmuckstücke, und noch viele mehr davon, handwerklich höchst qualitativer Tand, Krimskrams und Nippes, Kurioses wie eine auf dem antiken Mythos basierende „Nippelschale“, Spitze und Stoffdesigns, Fächer und Entwürfe für skulpturale Frisurenmonstrositäten, eine Ausgabe des damaligen Romanbestsellers Les liaisons dangereuse (1782), von dem sie nachweisbar eines besessen hatte, Schmähpamphlete der Abstiegsjahre und schließlich Mode, die nach ihr kam und von ihrem zeitlosen Stil inspiriert wurde.

Das Betrachten der x-ten mit Diamanten besetzen Schleife in einer Vitrine wird – trotz des hypnotischen Funkelns – zur ermüdenden Wiederholung, und es stellte sich mir unweigerlich die Frage, warum eine einzelne Person immer aufs Neue mehr vom ein und demselben benötigt? Glücklich wurde Marie-Antoinette damit nachweislich nicht.
‚Sollen sie doch Ausstellungen betrachten, wenn die Welt in Krisen untergeht!‘
Wie wir eine Ausstellung betrachten, hängt auch vom individuellen Kontext ab – ebenso wie umgekehrt Ausstellungen vom äußeren Kontext abhängig sind. Das Problem dieser Ausstellung ist, dass sie sich nicht entscheiden kann, ob sie eine biografische Ausstellung sein möchte, die zur Illustration des Lebens auch auf Mode als Referenz setzt, oder eine Ausstellung über Stil und deren Nachleben.
Da jedoch die Modeausstellung einstweilen mit biografischen Stationen in Verbindung gesetzt wird, wird es oberflächlich, wie das Leben, über das sich Marie-Antoinette beklagte. Völlig fehl am Platz ist der Einschub in crimson red, wenn auf das gewaltvolle Ende der Königin unter der Guillotine eingegangen wird. Das ist weder erforderlich noch erhellend und letztlich unnötig. Dabei soll dies wohl eigentlich eine Brücke zum Epilog bauen, also zum Nachleben des Stiles durch das Wiederentdecken Marie-Antoinettes einige Jahrzehnte nach den Geschehnissen von Revolution, Terror, Napoleon I. und Restauration.
Das Sich-Verlieren in biografischen Randnotizen, die selbstverständlich stilistisch der Zeit verbunden sind, aber indes wenig mit der Mode und dem thesenhaft behaupteten Einfluss ihres Stiles zu tun haben, macht den Mangel an Kontext offenbar. Umso oberflächlicher wirkt daher das Ende, das nun offensichtlich effektreiches Ausschweifen in modische Extravaganzen ist. Das scheint nur ausgelegt auf likeablility auf Social Media. Hier bleibt Mode die reine Oberflächlichkeit. Dabei war die Anfangsthese noch, dass Mode der eine erlaubte Bereich der Marie-Antoinette war, in dem sie ein bisschen Freiheit fand.

Beschäftigt man sich nämlich mit der historischen Person – das hat die Wissenschaft in den letzten Jahrzehnten zum Glück getan – dann weiß man, dass sie sich zwar schnell langeweilte, aber durchaus auch anderes im Köpfchen hatte. Wenn Marie-Antoinette auch nur etwas mehr erlaubt gewesen wäre als das Schmücken, vielleicht hätte die Geschichte eine andere Richtung genommen.
Warum jetzt eine Ausstellung zum Stil der französischen Königin?
Dekadenz ist der Trotz-Luxus einer schmalen Oberschicht in Krisenzeiten, wenn sie sich ihre ressourcenintensive Verschwendung angesichts der Not der großen Mehrheit eigentlich nicht mehr erlauben sollte. Doch wenn sich die Elite so sehr vom Rest entfernt hat oder wenn der bestehende Graben erschreckend deutlich hervortritt, dann werden die Augen davor umso fester verschlossen. Doppelplusgut, sozusagen. Dann wird der Überfluss erst recht zelebriert behauptet, dass das Individuum seines eigenen Glückes Schmied sei: Wenn es einem so richtig gut geht, dann wohl verdient.
Die Ausstellung scheint mir wie eine große Verweigerung der Realität/ oder: Augenverschließen im Großbritannien des Jahres 2025, das viele Krisen schütteln, wie überall weltweit. Kultur als Eskapade und Flucht vor der Realität. Wir sollen die Sorgen ausblenden, wie einst Marie-Antoinette, die den Hunger vor den eigenen Palasttoren nicht sah. Und es scheint zu funktioniere: Am Tag meines Besuchs waren die Tickets der Ausstellung restlos verkauft und die weniger nobel und gut gekleideten Besucher:innen drinnen schienen sichtbar beeindruckt und abgelenkt.

Fazit: “We have dreamt a pleasant dream, that’s all” (Marie-Antoinette, Februar/März 1793)
Die Ausstellung zu Leben und Stil der französischen Königin trumpft mit gestalterischer Raffinesse auf – ironischerweise bröckelt aber bei näherem Hinsehen die Fassade schon: Schrifttafeln, die bereits abbrechen oder schief sitzen; der Verfall scheint zu beginnen, wo die Aufmerksamkeit nachlässt. Ein kleines memento mori.
Leider ließen sich die Ausstellungmacher von ihren schönen Dingen allzu sehr blenden, fast wie einst Marie-Antoinette, und verfielen einem unkritischen Willen zur Schaustellung. Das wäre vielleicht entschuldbar, hätte man sich zu einer reinen Modeausstellung entschlossen. Da sie aber bewusst auch tragische Lebensphasen (stilvoll!) einbeziehen will, verstellt diese Ausstellung letztlich die Erkenntnis, indem sie sich im schönen Schein ergeht.
Fatale Wiederholung!
Marie-Antoinette und ihr Hof behängten sich jede Nacht aufs Neue mit unsagbar viel Karat Diamanten und legte teure Stoffe an, während Millionen nicht genug am Leib und in den Holzschüsseln hatten, gerade einmal wenige Kilometer vor den goldenen Toren des herrlichen Käfigs, in dem die Königin mit ihrem Hofstaat verweilte. Und jetzt protzt eine Ausstellung in South Kensington mit den Diamanten der Toten und demonstriert, dass Designer und Kreateure auch heute lieber mit den herrlichsten Stoffen schöne Damen behängen wollen, als wäre nichts!
Die Frage sollte erlaubt sein, ob dieses Krisenjahr, ach was, diese anhaltenden Krisen, der richtige Zeitpunkt ist, um der verschwendungssüchtigen Prunksucht einer der Realität so entrückten Monarchin umstandslos zu frönen. Können wir es uns erlauben, so urteilsfrei auf Geschichte zu blicken? Zwar sind all diese prächtigen Dinge erhalten geblieben und verführen zum Bestaunen und Bewundern, aber dem nachzugeben, ohne Lehren aus der Geschichte zu ziehen, schmeckt doch sehr schal. Haben Kunst und Kultur wirklich keine andere Verantwortung als den Selbsterhalt zum schönen Schein? So scheint es leider wie ein falsches nostalgisches Abschweifen in die gute alte Zeit … die so gut nie gewesen ist.
Ausstellungen erzählen immer auch über den Kontext, in dem sie entstehen. Hier wird Schönheit von Stoffen und Design, Edelsteinen und Handwerkskunst gefeiert, als wäre das Leid und Unrecht vor dem Museum, das die Spuren vom „Blitz“ noch heute mahnmalhaft an seiner Fassade trägt, nicht vorhanden. Erneutes Davonlaufen in extremen Luxus vor der unweigerlichen eigenen Existenz, und wenn nur per Eintrittskarte geborgt. Etwas mehr Realitätsannahme täte zu allen Zeiten gut.
Ausstellung „Marie Antoinette Style“ 20.9.2025 – 22.3.2026, Victoria & Albert Museum London South Kensington, sponsored by Manolo Blahnik
Kuratierung: Sarah Grant
Gestaltung: OMMX, London



















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