Die Stiftung Bundeskanzler Konrad Adenauer Haus (SBKAH) hat am 28.9.2024 eine Dependance in Berlin eröffnet. Adenauers Wohnhaus steht bekanntlich in Rhöndorf mit Blick auf den Rhein. Das neue Forum residiert weniger malerisch, aber zentral in einem Geschäftshaus in einer Parallelstraße zu Unter den Linden, wenige hundert Meter südöstlich des Brandenburger Tores. In unmittelbarer Nachbarschaft liegt das Forum Willy Brandt Berlin in Trägerschaft der Bundeskanzler-Willy-Brandt-Stiftung. Auch die Bundeskanzler Helmut Kohl Stiftung bereitet eine Ausstellung in der Nähe vor.
Ging es der SBKAH vielleicht darum, einfach Flagge zu zeigen in der Bundeshauptstadt? Was soll die Ausstellung erreichen? Die Homepage verspricht uns „den ersten Regierungschef der Bundesrepublik Deutschland kennen[zulernen]“ und einzutauchen „in die Ära Adenauer mit ihren Krisen und Erfolgen“. Wer von der Relevanz Adenauers bis in die Gegenwart nicht a priori überzeugt ist, bekommt nur einen sehr vagen Hinweis: Adenauer habe die deutsche Nachkriegsgeschichte geprägt. Das lässt erwarten, dass man eine Zielgruppe im Blick hat, die man nicht aufwändig zum Besuch motivieren muss, sondern die mit Adenauer etwas – wahrscheinlich Positives – verbindet.
Die Ausstellung erliegt aber nicht der Versuchung, eine Anlaufstelle bereitzustellen, wo christlich-demokratische Parteigänger Gleichgesinnte treffen und sich ihre Meinung bestätigen lassen. Der implizite Anspruch scheint gewesen zu sein, die Bedeutung und Leistungen Adenauers zu betonen, aber gleichzeitig eine distanzierte Betrachtung und Bewertung zu ermöglichen. Das allein wäre schon schwierig genug. Eine weitere Herausforderung dürfte aber darin bestanden haben, dass nur wenige Originalobjekte zur Verfügung standen. Auf die Schätze im Wohnhaus in Rhöndorf und in den Museen mit nationalem Anspruch wie dem Bonner Haus der Geschichte oder dem Deutschen Historischen Museum musste das Forum wohl verzichten. Um es vorwegzunehmen: Die Ausstellung macht aus der Not eine Tugend und zeigt, welches Potenzial im Medium Ausstellung steckt.
Der Eingangsbereich setzt Adenauer allerdings gleich ein Denkmal – seine Büste in Bronze begrüßt die Eintretenden. Sie erlaubt eine ehrerbietige Betrachtung – oder lässt sich schlicht zur Kenntnis nehmen. Ihr gegenüber zieht dagegen eine großformatige animierte Projektion die Aufmerksamkeit auf sich und präsentiert wesentliche Daten und Fakten aus Adenauers bewegtem Leben. Diese geschickte Balance zwischen den Besuchsmotivationen „verehren“ bzw. „seine politische Zugehörigkeit zeigen“ und „informieren“ zieht sich durch die gesamte Ausstellung.

Thematisch fokussiert sie auf die drei Schwerpunkte „Demokratie“, „Freiheit“ und „Europa“ – und allein die drei Begriffe lassen an aktuelle Herausforderungen und heftige Konflikte denken. Für die Außenkommunikation des KAF lassen sich daraus wahrscheinlich auch noch mehr Funken schlagen. Beim Thema Demokratie fällt der Blick zurück in die Weimarer Republik und den Nationalsozialismus, wobei der Raum geprägt ist von wenigen, dafür aber umso ausdrucksvolleren Fotos in fast lebensgroßen Dimensionen. Ein von Adenauer nach dem Kriegsende aus dem Kölner Gestapo-Gebäude geborgener und als Andenken aufbewahrter Kerzen-Leuchter gehört zu den wenigen gezeigten Originalen.
Es folgt chronologisch die Mitwirkung Adenauers am Wiederaufbau der Demokratie nach der Befreiung, bevor am Ende des Ganges eine Collage aus bundesrepublikanischen Wahlkampfplakaten mit dem Konterfei der Hauptperson die Blicke anzieht.

Die Farbgebung der Räume und die Verwendung dunkler Holzelemente erinnert dezent an westdeutsche Wohnräume in den 1950er Jahren, vermeidet aber eine szenografische Historisierung. Gleichzeitig schafft sie es, die Aufmerksamkeit geschickt zu lenken. Die für eine Ausstellung schwierigen baulichen Rahmenbedingungen fallen nicht störend auf.
Dazu trägt auch bei, dass das jeweilige Thema des Bereichs an einer beleuchteten raumhohen Stele zu lesen ist. Den Auftakt bildet die „Demokratie“. Dort bieten sich auch Interaktionsmöglichkeiten, zum Beispiel die Frage, welche Werte die Demokratie vor allem verteidigen soll. Die eigene Auswahl wird dann den Mehrheitsverhältnissen im übrigen Ausstellungspublikum gegenüber gestellt.

In Schubladen in den Ausstellungsmöbel verbergen sich vertiefende Informationen, was den Interessierten umfangreichen Lesestoff verschafft. Für die übrigen bietet sich eine auf das Wesentliche reduzierte thematische Auswahl. Sie blickt zurück auf seine Erfahrungen im Nationalsozialismus und konzentriert sich dann auf Adenauers Rolle beim Aufbau der westdeutschen Demokratie. Farblich wird der Bereich durch einen violetten Farbton markiert, der unaufdringlich immer wieder auftaucht.

Ein großer, runder Tisch aus edlem Holz entpuppt sich als interaktive Installation, bei der verschiedene Themen ausgewählt und vertieft werden können. Eine Lamellenwand rahmt den Bereich halbrund ein und trägt vier Vitrinen, in denen Gegenstände auf die zentralen Konfliktherde und Debatten der „Adenauerzeit“ verweisen.
Die Stele mit der leuchtenden Aufschrift „Freiheit“ markiert den nächsten Bereich, in dem sich ein heller Mint-Ton als Leitfarbe findet. Hier geht es um die Bindung an die Westmächte, vor allem an die USA, und die Frontstellung gegenüber dem Kommunismus und der Sowjetunion – allerdings auch um die Verhandlungen, die Adenauer mit den sowjetischen Machthabern führte.

Den gestalterischen Höhepunkt dieses Bereichs und wohl auch der Ausstellung insgesamt bildet der Besuch des US-Präsidenten John F. Kennedy in Berlin im Juni 1963, knapp zwei Jahre nach dem Mauerbau. Ein ganzer Raum widmet sich diesem Ereignis und seiner medialen Inszenierung. Im Zentrum steht ein begehbares Objekt, das an die schwarze, offene Limousine erinnert, in der Kennedy und Adenauer durch die jubelnde Menschenmenge zum Brandenburger Tor fuhren. An drei der vier Wände laufen zeitgenössische Filmaufnahmen im Großformat, die vierte Wand füllt ein Großfotos, das den Fahrzeugkonvoi und im Hintergrund die Siegessäule zeigt. Die Originaltöne bringen die Begeisterung entlang des Fahrweges eindrucksvoll zur Geltung.
Der Gestaltung gelingt das Kunststück, die Emotionen spürbar zu machen und dabei gleichzeitig Elemente einzubringen, die dabei helfen, einen gewissen inneren Abstand zu wahren, sich nicht überwältigen zu lassen. Dazu gehört das schwarze „Fahrzeug“, das eine Anmutung transportiert und doch unübersehbar nicht mehr bieten möchte als das. Die Inszenierung nimmt das historische Ereignis vollkommen ernst. Sie lädt aber auch dazu ein sich spielerisch in das „Fahrzeug“ hineinzustellen und sich bejubeln zu lassen. Das wiederum unterläuft ein verehrendes Aufschauen zu den Protagonisten, weil es sie gewissermaßen vom Sockel holt und Möglichkeiten der Satire eröffnet. Die Filme bieten unterschiedliche und wechselnde Blickwinkel, was ebenfalls einer emotionalen Überwältigung wirksam begegnet.
In der Hinführung zu diesem Raum findet sich ein weiteres Element, das inhaltlich geschickt gewählt und platziert ist. Angesprochen wird Adenauers Verhältnis zu Berlin in seinen vielfältigen Facetten. Das erschließt eine Pointe: Der so aufwändig als Höhepunkt des Rundgangs inszenierte Raum präsentiert den Rheinländer Adenauer beim ‚Triumphzug‘ durch Berlin, das gerade nicht Teil der ‚Bonner Republik‘ war, sondern unter dem Viermächtestatus stand.
Die Überschrift „Europa“ markiert den dritten Teil der Ausstellung, der sich mit der Pastellfarbe Gelb heraushebt. Hier stehen die Aussöhnung mit Frankreich unter Präsident Charles de Gaulle und die ersten europäischen Verträge von 1951 und 1957 im Mittelpunkt. Die zeitgenössische mediale Inszenierung der beiden ‚großen Männer‘ und die symbolträchtige Aufladung ihrer Begegnungen und Vertragsabschlüsse liefert mehr als genug Material für die Ausstellungsgestaltung.

Demgegenüber fällt die europäische Einigung ab, was die Ausstellung geschickt kompensiert, indem sie ein interaktives Spiel über mehrere Stationen hinweg präsentiert. Das Publikum wird eingeladen, über die Weichenstellungen zu entscheiden, mit denen Adenauer konfrontiert war. Das macht sicher das Beste aus dem für Ausstellungen extrem schwierigen Thema. Gleichzeitig gerät man auch mit einiger historischer Vorbildung schnell an die Grenzen des eigenen Urteilsvermögens. Eine fundierte Entscheidung zu treffen, fällt schwer. Dass sie im Spiel dann auch noch als falsch markiert wird, wenn sie nicht so ausfällt, wie Adenauer sie traf, entmutigt rasch.

Die Ausstellung schließt den Rundgang mit einem schwarz-weiß Portraitfoto des betagten Bundeskanzlers a.D., das sowohl Anstrengung und Erschöpfung, aber trotzdem auch Wachheit, Stolz und Machtbewusstsein erkennen lässt. Es sei erwähnt, dass die Auswahl der Großfotos insgesamt hervorragend gelungen ist und wahrscheinlich schon allein für sich einen Besuch lohnen würde.

Das abschließende Portrait-Foto von Konrad Rufus Müller korrespondiert mit der Bronzebüste am Eingang. Es führt aber darüber hinaus, weil es die Spuren des Lebens (und der Macht) zeigt. Das Bild taugt nicht zum Denkmal, sondern zu einer Auseinandersetzung mit einem Weichensteller für die Bundesrepublik Deutschland. Das Foto verkörpert die Haltung der gesamten Ausstellung: Adenauer wird in seiner Bedeutung sehr ernst genommen, und dazu gehört auch die Distanz, die eine ernsthafte Auseinandersetzung erst erlaubt.
Das Konrad-Adenauer-Forum gestattet nicht nur, sondern ermutigt vielfältige Annäherungen und unterschiedliche Zugänge. Es bietet fundierte Informationen, auch für Fachleute noch interessante neue Aspekte, und gleichzeitig auch spielerische und unterhaltende Angebote. Die sorgfältige Redaktion der Texte ist ebenfalls hervorzuheben. Sie sind so formuliert und gesetzt, dass eine Zeile auch eine Sinneinheit enthält. Kürze und Prägnanz unterstützen ebenfalls die Verständlichkeit. Das klingt einfach, ist aber sehr aufwändig und womöglich deshalb auch viel zu selten in Museen zu finden. Die Ausstellung wird es nicht leicht haben, in der Überfülle von Museen in Berlin Beachtung zu finden. Verdient hat das Konrad-Adenauer-Forum die Aufmerksamkeit allemal.
Kuratierung: Doreen Franz (Projektleitung), Holger Löttel, Flora Fuchs, Anoushirvan Masoudi, Joram-Justus Witte
Gestaltung: res d Design und Architektur GmbH, Köln


















