„Rembrandts Amsterdam. Goldene Zeiten?“ – von Julia Braun

Nur drei Jahre nach der Ausstellung „Nennt mich Rembrandt – Durchbruch in Amsterdam“ kündigte das Städel als Höhepunkt seines 125-jährigen Jubiläums erneut eine Sonderausstellung mit ähnlichem Titel an. Seit dem 27. November 2024 lockt die Ausstellung „Rembrandts Amsterdam. Goldene Zeiten?“ die Menschen in das bekannte Frankfurter Museum. So verheißungsvoll der Titel ist, so irreführend ist er auch. Denn wer sich erhofft, eine Schau bekannter Werke Rembrandts, vielleicht sogar die „Nachtwache“ zu sehen, wird enttäuscht sein. Viel mehr als auf dem berühmten Maler aus Leiden liegt der Fokus dieses Mal auf seinen Zeitgenossen, die im 17. Jahrhundert in Amsterdam wirkten. Anhand von etwa 100 Gemälden, Skulpturen, Druckgrafiken und kulturhistorischen Gebrauchsgegenständen soll zudem hinterfragt werden, wie die niederländische Stadt zu ihrer wirtschaftlichen und kulturellen Vorrangstellung kam.

Ausstellungsansichten „Rembrandts Amsterdam. Goldene Zeiten?“ Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz

Hierzu wird im ersten Ausstellungsraum anhand von Karten, Gemälden und Texten die damalige Gesellschaft Amsterdams skizziert. Für eine Kunstausstellung gibt es überraschend viele Texte. Die Raumtexte sind verständlich, fassen die inhaltliche Aussage jedes Raumes oder Ausstellungs-Abschnitts knapp zusammen und kontextualisiert hierdurch die Bilder, sodass man die Narrative der Ausstellung gut nachvollziehen kann. Teilweise gibt es auch ausführliche Objekt-Texte.

Starke Umbrüche kennzeichneten die Zeit, in der ein Religionskrieg zwischen Katholiken und Calvinisten herrschte, viele Migranten nach Amsterdam zogen und die Stadt sich rasant vergrößerte. Der Terminus „Goldenes Zeitalter“, der schon im Ausstellungstitel hinterfragt wird, ist dabei ein Begriff aus dem 19. Jahrhundert, der der Epoche nachträglich übergestülpt wurde. Die Ausstellung geht auf die Ambivalenzen der Zeit, wie Armut und Reichtum, Macht und Ohnmacht, sowie Glück und Verderben ein. Im Vordergrund stehen hierbei die religiösen Konflikte und die Wertvorstellungen der Katholiken und Calvinisten, die die damalige Kunst prägten. Auch wenn dies bedeutende Aspekte sind, um die künstlerische Entwicklung des barocken Amsterdams zu verstehen, fehlt es hier an einem, für die Bewertung essenziellen Punkt. Denn die in der Ausstellung thematisierte Periode war auch die, in der die Niederlande als eine der größten Kolonialmächte Menschen versklavte und Länder ausbeutete. Durch ihre Häfen wurde Amsterdam in diesem Zug zu einer Handelsmetropole und einer extrem wohlhabenden Stadt. Jedoch wird in Frankfurt lediglich am Rande über die Kolonien gesprochen. Es werden hierzu keine anschaulichen Repräsentanten wie künstlerische Perspektiven auf die Kolonien oder koloniale Reiseberichte einbezogen. Da die Kolonialzeit aber im Einführungstext angesprochen wird, ist dieser Mangel im Rest der Ausstellung eklatant.

Ausstellungsansicht „Rembrandts Amsterdam. Goldene Zeiten?“ Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz 2024.

Ein zentrales Narrativ des ersten Ausstellungsraumes ist die Signifikanz der Öffentlichkeit in dieser Zeit. Immer wieder wird aufgezeigt, welche Rolle Prestige und das Streben nach wirtschaftlichem Erfolg hatten. Wohlhabende Migranten konnten sich in die Stadt einkaufen und verhalfen ihr mit ihrem Kapital und Know-How zum Aufstieg zur Handelsmetropole mit dem Sitz der Niederländischen Ostindien-Kompanie und der Amsterdamer Wechselbank.
Nach den Grundsätzen des Calvinismus sollten zudem Taten für das Gemeinwohl vollbracht werden. Dass etwa Spendensammlungen für Leprakranke in Gemälden festgehalten wurden, zeigt jedoch die Kehrseite der Medaille. Im Verlauf der Ausstellung wird erkennbar, wie scheinheilig die calvinistische Weltanschauung war, nach der sich wohlhabende Bürger als Wohltäter porträtieren ließen, während Arme in der Kunst als namenloses Beiwerk gehandelt wurden. Ebenso kritisiert die Ausstellung, dass Tugend und Moral als Werkzeuge für das wirtschaftliche Wachstum eingesetzt wurden. Um diese Kernaussagen zu vermitteln, wird in den Ausstellungstexten oft ein kritischer Ton angeschlagen. Die Morbidität der Zurschaustellung hingerichteter Straftäter zur Abschreckung und die „Imagepflege durch teure Bildnisaufträge“ der vermögenden Oberschicht sind nur zwei Beispiele hierfür. Über diese Porträts schlagen die Ausstellungsmacher eine Brücke zum Schaffen Amsterdamer Künstler des 17. Jahrhunderts.

Ausstellungsansicht „Rembrandts Amsterdam. Goldene Zeiten?“ Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz 2024.

Durch Werke von Dirk Jacobszoon, Jurrian Ovens, Nicolaes Eliaszoon Pickenoy, Cornelis van der Voort und vielen weiteren, wird die Entwicklung des damals wichtigsten Sujets der Amsterdamer Kunstszene nachvollzogen. Das Gruppenbild erlebte seine Blütezeit, indem niederländische Maler es aus seiner geistlich-religiösen Verwendung herauslösten. In der Ausstellung beginnt dieser Triumphzug mit den Schützengilden, deren Mitglieder sich gemeinschaftlich abbilden ließen. Diese ersten Gruppenporträts zierten die Vereinshäuser dieses elitären Kreises. Da in diesen Räumlichkeiten oft Staatsempfänge und wichtige Feiern abgehalten wurden, hatten die Bildnisse eine repräsentative Funktion.

Indem die Kompositionen der Schützenbildnisse auf Regenten-Porträts übertragen wurden, entstand ein neuer Typ des Gruppenporträts. Als Vorzeigebilder beinhalteten sie oft Begleitfiguren wie Buchhalter, die als Attribute der Regenten fungierten. Im Verlauf der Zeit wurden die Bildformate größer, die Kompositionen komplexer, die Lichtgestaltung dramatischer und die Darstellungen individueller auf die Porträtierten angepasst.

Ausstellungsansicht „Rembrandts Amsterdam. Goldene Zeiten?“ Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz 2024.

Einen Höhepunkt dieser Entwicklung markiert Rembrandts „Anatomie-Vorlesung des Dr. Jan Deijman“ von 1656. Das Fragment wird im Städel mit einer angedeuteten Ergänzung der restlichen Leinwand gezeigt, um die gesamte Komposition nachvollziehen zu können. Dieses Werk ist zum einen ein Beispiel eines Gruppenporträts der Chirurgengilde nach dem Vorbild der Schützengilden, zum anderen verweist es auf den moralischen Unterton des Calvinismus, der zwischen Rechtschaffenen und Verbrechern unterscheidet. Letztere sind es nicht würdig, bestattet zu werden und dienen folglich als Anschauungsobjekte von Anatomie-Kursen. Rembrandt weicht hier nicht nur von den Sehgewohnheiten der Zeit ab, indem er die streng lineare Komposition aufgibt, sondern er stellt den sezierten Verbrecher nach Mantegnas Vorbild des toten Christus in der „Beweinung Christi“ dar und verleiht ihm so Würde.

Ausstellungsansicht „Rembrandts Amsterdam. Goldene Zeiten?“ Foto: Städel Museum– Norbert Miguletz 2024.

Diese Darstellung leitet über in den vierten Ausstellungsraum, der sich mit Rembrandts Nähe zu den sozialen Außenseitern seiner Zeit befasst. Grafiken des Meisters zeigen Kranke, Blinde, Gelähmte, Bettler und Musikanten. Besonders viel Raum wird hier dem Fall der Affekttäterin Elsje Christiaens eingeräumt. Die 18-Jährige hatte ihre Vermieterin im Streit um die ausstehende Miete mit einer Axt erschlagen. Hierfür wurde sie in Amsterdam öffentlich hingerichtet. Anhand von Druckgrafiken Rembrandts und seiner Schüler wird das Galgenfeld als morbider Ausflugsort zur moralischen Bildung und zur Selbsterhöhung ausgewiesen. Wie die Bildnisse der Chirurgengilden verdeutlicht dies die Doppelmoral des Strebens nach sittlicher und wissenschaftlicher Bildung gegenüber einer Vergewisserung der eigenen Tugendhaftigkeit durch die Abwertung anderer.

Auf die Spitze getrieben wird diese Auswirkung religiöser Wertvorstellungen auf die Gesellschaft in den Ausstellungsräumen, die sich mit den Zuchthäusern beschäftigen. Im „Rasphuis“ mussten Gefangene aus den Kolonien importiertes Rotholz bearbeiten. Auch im Pendant für die weiblichen Gefangenen, dem „Spinhuis“ wurde schwere körperliche Arbeit als Resozialisierungsmaßnahme eingesetzt. Wie die Galgenfelder waren auch diese Orte für die Öffentlichkeit zugänglich, um die Besucher zu rechtschaffenen Bürgern zu erziehen.

Eine Zäsur in der Ausstellung bildet der Raum, der Werke Rembrandts, seiner Schüler und Zeitgenossen aus dem Bestand des Städel Museums zeigt. Er befindet sich zwischen den beschriebenen Räumen der Grafiken und der Zuchthäuser. Sowohl thematisch als auch gestalterisch bricht er hier mit dem roten Faden der Ausstellung. Anstatt vor dem zurückhaltenden Grau oder dem gedeckten Dunkelrot der umliegenden Ausstellungsräume werden hier vor leuchtend blauen Wänden großformatige Gemälde präsentiert.

Ausstellungsansicht „Rembrandts Amsterdam. Goldene Zeiten?“ Foto: Städel Museum – Norbert Miguletz 2024.

Im Fokus des Raumes steht „Die Blendung Simsons“. Rembrandt verarbeitet hier eine biblische Geschichte, in der dem alttestamentarischen Richter Simson durch das Zutun der Philisterin Delila die Augen ausgestochen werden. Geschickt lässt der Maler die Gesichtszüge seiner Ehefrau Saskia in die Darstellung der Delila einfließen. Nicht mit den Narrativen der Ausstellung verbunden, wirkt es, als habe der Kurator durch die Präsentation der Werke Rembrandts versucht, die, durch den Titel der Ausstellung geweckten Erwartungen der Besuchenden zu befriedigen. Bei näherer Betrachtung erscheint die Präsentation jedoch an dieser Stelle der Ausstellung eigentümlich und man fragt sich, ob die Gemälde besser in den zweiten Ausstellungsraum gepasst hätten. Dort hätten sie als Beispiel für geschickt in Szenen eingearbeitete Porträts dienen können.

Insgesamt verspricht die Ausstellung etwas mehr, als sie letztendlich halten kann. Erwartet man eine umfängliche Ergänzung der Ausstellung von 2021 um kritische Positionen zum „Goldenen Zeitalter“ Amsterdams, wird man nach dem Besuch ernüchtert sein. Zwar wird die Moral des Calvinismus in vielen, gut verständlichen Wandtexten hinterfragt und als verlogen aufgedeckt, jedoch mangelt es an deutlicher Kritik am Kolonialismus und einem ungeschönten Blick auf die Machtstrukturen dieser Zeit. Dies hätte sich am Ende der Ausstellung, durch ein erneutes Aufgreifen der Frage aus dem Titel „Rembrandts Amsterdam. Goldene Zeiten?“ gut eingefügt. Nichtsdestotrotz zeigt die Ausstellung anschaulich die Entwicklung des Gruppenporträts und den Künstlerkreis um Rembrandt. Da überdies zahlreiche großformatige Werke des Amsterdam Museums gezeigt werden, die nicht oft in deutschen Museen zu sehen sind, ist die Ausstellung für Liebhaber der niederländischen Malerei empfehlenswert.

„Rembrandts Amsterdam. Goldene Zeiten?“, Städel Museum Frankfurt in Kooperation mit dem Amsterdam Museum, 27.11.2024 – 23.3.2025

Kuratierung: Jochen Sander; Corinna Gannon

Gestaltung: keine Angabe

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