Wer sind WIR? – von Emily Steinfort

Wie wollen „wir“ als Gesellschaft gemeinsam leben und gemeinsames Leben schaffen? Dies sind zwei Grundfragen, die den Besuch der Wechselausstellung „WER WIR SIND. Fragen an ein Einwanderungsland“ begleiten, welche vom 26.Mai bis 08.Oktober 2023 in der Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn zu sehen ist. Sie wurde von Johanna Adam, Lynhan Balatbat-Helbock und Dan Thy Nguyen kuratiert und in Kooperation mit dem Dokumentationszentrum und Museum über die Migration in Deutschland (DOMiD) künstlerisch erarbeitet. Bei diesem Prozess hat Nicole Miller die Ausstellungsarchitektur übernommen und Lange + Durach war für die Ausstellungsgrafik zuständig. 50 Künstler*innen sind in der Ausstellung mit ihren Werken vertreten und haben diese teilweise speziell angefertigt.
Am Museumseingang werden die Besuchenden auf das Thema durch eine plakative künstlerische Installation eingestimmt. Diese besteht aus einer großen rot gestrichenen Wand, auf welcher der Schriftzug „Wer ist nicht Teil der Strukturen in dieser Institution“ eingearbeitet wurde. Eine stilistische Besonderheit an dieser Installation ist, dass nur das Wort „nicht“ in kurzen Abständen rot beleuchtet wird. So wird deutlich, dass die Geschichte über Migration und Eiwanderung anders erzählt und aus einem multiperspektivischen Standpunkt betrachtet werden und dem Besuchenden immer wieder die Möglichkeit bieten, seine eigenen Einstellungen und Sichtweisen zu hinterfragen. Der Schriftzug kann als eine offene Frage an die Besuchenden interpretiert werden und regt an über diese, zumindest kurz, direkt nachzudenken.

Abb. 1: Museumseingang, rechte Wand (Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH) (Foto: Emily Steinfort, 2023).

Der Einleitungstext, welcher sich direkt im Ausstellungseingang an einer schwarzen Wand befindet, stellt präzise das Vermittlungsziel dar: Kunst kann Widerstand leisten und ist ein wichtiger Motor für die bestehende Gesellschaft. Durch Kunst können/ müssen sich die betrachtenden Personen selbst hinterfragen und neue Sichtweisen bedenken.

Abb. 2: Ausstellungseingang (Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH) (Foto: Emily Steinfort, 2023).

Jedoch zieht nach dem Betreten der Ausstellung fast unvermeidlich das große Gemälde die Aufmerksamkeit auf sich, welches von mehreren Lampen angestrahlt wird und gut platziert in der Mitte eines Säulen-Halbkreises steht. Die bunte Collage arbeitet mit vielen verschiedenen Symbolen und auch einigen kurzen Schlagwörtern wie zum Beispiel: „Nein zu Rassismus“, „End white privilege“ oder „Bürokratie“. Der Eingangsbereich wirkt offen und durch die gewählten Farben (schwarz, rosa, weiß) schlicht, aber einladend. Ein weiteres interessantes Merkmal des Ausstellungseingangs ist, dass drei verschiedene Herangehensweisen gewählt wurden, die das übergreifende Thema einleitend erklären sollen: Auf der linken Seite ist die Einleitung in Form eines kurzen Fließtexts an einer schwarzen Wand befestigt und wird von einigen Fotos umrandet. In der Mitte befindet sich das beschriebene Gemälde (s.o.) und rechts steht eine Videostation mit einer kleinen Sitzmöglichkeit. Der offene Ton sorgt dafür, dass auch die Personen, die sich nicht aktiv das Video anschauen, die Audioaufnahmen trotz dessen hören müssen. Dadurch ist schwierig sich lediglich auf den Einleitungstext zu konzentrieren.
Wenn die Besuchenden sich weiterbewegen, gelangen sie zu einem Bereich, der sich mit den Themen beschäftigt. Sie sind jeweils mit großen Bannern abgegrenzt und mit unterschiedlichen Farben unterlegt. Die Banner erleichtern die Orientierung. Die Themen, die zuerst in den Fokus geraten sind: „Migration aus Mittel- und Osteuropa“, „Migration – überall & immer“ und „Arbeit für Gäste?“. Abbildung 3 zeigt eine Station aus dem Themenbereich „Migration aus Mittel- und Osteuropa“, welche das Thema der Staatsbürgerschaft und des Zugehörigkeitsgefühls aufgreift. Es gibt immer wieder große Überschriften mit mehreren Vertiefungsebenen (siehe Abb.3). Die Texte sind, wie in der Bundeskunsthalle üblich, konsequent in Deutsch und Englisch und es gibt an den textlastigen Stationen die Möglichkeit mithilfe einer App (und QR- Code) die Übersetzung in Gebärdensprache aufzurufen.

Die abgebildete Unterstation beginnt mit einem kurzen Text, Bildern und gemalten Pappschildern. Zudem bietet der Themenblock zwei Videos mit deutschen Untertiteln an, welche über Kopfhörer zu hören sind. Vor allen Videostationen stehen leichte Papphocker, welche wenn notwendig (bspw. bei körperlicher Einschränkung) verschoben werden können.

Abb. 3: Abschnitt „Migration aus Mittel- und Osteuropa“ (Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland“) (Foto: Emily Steinfort, 2023).

Besonders beindruckt hat mich in dem Bereich „Arbeit für Gäste?“ ein Kunstwerk Methap Bayups aus dem Jahr 2011. Dieses stellt ein Brot in Form eines Koffers dar und greift die Frage auf ob Heimat ein Ort oder ein Gefühl sei (vgl. Abb.4). Es verbindet die Anspielung auf das Heimatgefühl mit der nicht selten erzwungenen dauernden Mobilität von Migrant*innen, da ihr Aufenthalt oft zeitlich begrenzt ist.

Abb. 4: Exponat im Bereich „Arbeit für Gäste?“ (Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH) (Foto: Emily Steinfort, 2023).

Durchgängig finden sich künstlerische Installationen, Videos, Gemälde, Fotos und Audiodateien, wie zum Beispiel in den Bereichen „Lernen in der Klassengesellschaft?“ und „Wo findet das Leben statt?“. Hier geht es um Chancengleichheit im Bildungswesen und die strukturellen Probleme von Migrant*innen bei der Wohnungssuche. Der Begriff des „Lebensraums“ wird dabei auch auf den öffentlichen Raum erweitert. Dabei wird auch die Frage behandelt, wer denn Zugang zum öffentlichen Raum hat und wer ausgeschlossen wird.

Abb. 5: Übergang zum Bereich „Wer ist das Volk?“ Installation: Manaf Halbouni, 2020 (Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH) (Foto: Emily Steinfort, 2023).

Nach diesen Themenbereichen folgen, wie in Abbildung 5 erkennen zu ist, die Abschnitte „Wer ist das Volk?“ und „Rassistische Gewalt“. Zunächst wird auf das Jahr 1989 hingewiesen, als die Menschen in der DDR ,„Wir sind das Volk“, riefen. Nach dem Mauerfall kippte jedoch die Stimmung. Aus „das Volk“ wurde „EIN Volk“, was alle ausklammerte, die nicht als „deutsch genug“ galten. Wer gehört in Deutschland zur Gesellschaft? Das war in dieser Zeit eine zentrale Frage. Erst etwas später kam die Einsicht, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Die Ausstellung schreckt nicht davor zurück auch kritische Zeitperioden zu benennen und zu bekräftigen, dass es in Deutschland einen klaren politischen Rechtsruck gibt.

Abb. 6: Politik und Medien machen Stimmung 1973 (Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH) (Foto: Emily Steinfort, 2023).

Nach diesen Themenbereichen folgen, wie in Abbildung 5 erkennen zu ist, die Abschnitte „Wer ist das Volk?“ und „Rassistische Gewalt“. Zunächst wird auf das Jahr 1989 hingewiesen, als die Menschen in der DDR ,„Wir sind das Volk“, riefen. Nach dem Mauerfall kippte jedoch die Stimmung. Aus „das Volk“ wurde „EIN Volk“, was alle ausklammerte, die nicht als „deutsch genug“ galten. Wer gehört in Deutschland zur Gesellschaft? Das war in dieser Zeit eine zentrale Frage. Erst etwas später kam die Einsicht, dass Deutschland ein Einwanderungsland ist. Die Ausstellung schreckt nicht davor zurück auch kritische Zeitperioden zu benennen und zu bekräftigen, dass es in Deutschland einen klaren politischen Rechtsruck gibt.

In den 1970ern terrorisierten Rechtsradikale Migrantinnen mit zahlreichen Anschlägen. In den 1980ern verschärften sich diese Übergriffe. Der Bereich „Rassistische Gewalt“ setzt die Opfer in den Mittelpunkt und beschreibt sehr deutlich die sogenannte „Baseballschläger-Jahre“, welche auf die Wiedervereinigung folgten. Es werden Fotos von Opfern gezeigt, Videos von Personen, die über diese schreckliche Zeit berichten und immer wieder werden eindrucksvolle künstlerische Arbeiten präsentiert. Die Abbildung 7 zeigt ein Kunstwerk, welches sich mit dem Thema der Freiheit auseinandergesetzt hat. Denn Freiheit kann man nicht simulieren, Freiheit gehört zu einer freien Gesellschaft. Nur wenn Freiheit gegeben ist können Künstlerinnen jeglicher Art ihre Ideen und künstlerischen Ambitionen ausleben. Dieses Kunstwerk hängt groß in diesem Themenbereich, sodass jede*r es lesen kann und nicht daran vorbeiläuft, sondern es wahrnimmt.

Abb. 7: Bereich „Rassistische Gewalt“. @Rirkrit Tiravanija (Kunst- und Auststellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH). (Foto: Emily Steinfort, 2023).

Nach diesem interessanten Bereich folgen die zwei Themenblöcke „Aufklärung und Erinnerung“ und „Gesellschaft der Vielen“. Zunächst geht es inhaltlich um die Verbrechen des terroristischen „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) und um die betroffenen Familien. Der Hauptgedanke ist klar: „Ohne Gerechtigkeit gibt es keinen Frieden“. Es ist ebenso unabdingbar, die Verbrechen aufzuklären und den betroffenen Familien den Respekt zu zollen, den sie verdient haben. Somit ist diese Station auch ein Ort der Trauer und des Gedenkens. Es werden explizit die Namen der Ermordeten genannt, die in den letzten Jahren Opfer von rassistisch motivierten Verbrechen waren. Die Besuchenden kommen hier in direkten Kontakt mit rassistischen Morden und anderen furchtbaren Verbrechen. Viele werden Wut und Beklemmung verspüren.
Der folgende Themenblock „Gesellschaft der Vielen“ spendet wieder etwas Hoffnung auf eine Gesellschaft, die in Zukunft noch mehr über das Zusammenleben reden muss, aber auch reden kann. Denn ein gemeinschaftliches „Wir-Gefühl“ entsteht durch gemeinsames Sprechen und Gestalten. Die Botschaft, welche der besuchenden Person in diesem Bereich vermittelt werden soll ist eindeutig und interpretiere ich wie folgt: Jede*r einzelne in unserer Gesellschaft muss sich weiterhin reflektieren, darf rassistischen Äußerungen keinen Platz bieten und muss Solidarität zeigen. Jeder in unserer Gesellschaft hat Rechte und darf mitsprechen – diese Botschaft transportiert die Ausstellung eindrucksvoll.

Abb. 8: Das „Wir“ (Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH). (Foto: Emily Steinfort, 2023).


Mein Fazit: Es lohnt sich auf jeden Fall, dafür in die Bundeskunsthalle Bonn zu fahren. Auch wenn der Kern dieser Ausstellung kein neues Thema behandelt, wird dieses präzise erläutert und die künstlerischen Arbeiten treten in eine produktive Wechselbeziehung mit den dokumentarischen Materialien. Es entsteht eine gute Mischung zwischen aktiver Aufklärung und ästhetischer Inspiration. Weder überfordert die Ausstellung die Besuchenden, noch unterfordert sie, sondern bietet einen sehr guten Überblick über das breite und schwer zu greifende Thema der sozialen Gesellschaft, also dem „WIR“. Mir waren ganz viele Aspekte, die in dieser Ausstellung dargestellt wurden nicht aktiv bewusst und diese Aufarbeitung hat geholfen, sich spezifische Themen noch einmal ins Bewusstsein zu holen.

Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland GmbH

„WER WIR SIND. Fragen an ein Einwanderungsland“

26. Mai bis 8. Oktober 2023

Kuratierung: Johanna Adam, Lynhan Balatbat-Helbock und Dan Thy Nguyen

Gestaltung: Nicole Miller, Köln

Grafik: Lange + Durach, Köln

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