Wieso tun wir nicht, was wir wissen? – Die Ausstellung KLIMA_X im Museum für Kommunikation Frankfurt – von Anna Glombitza

Und? Welches Klimatier bist du?

Bitte was für ein Tier? – Wer sich schon im Vorfeld des Ausstellungsbesuches durch die Website des Museums klickt oder den Flyer der Sonderausstellung durchblättert, stößt schnell auf die lustigen Maskottchen von KLIMA_X.

Foto 1: Die Besuchenden werden aufgefordert, ein Klimatier zu wählen, dem sie sich am nächsten fühlen. © Museum für Kommunikation Frankfurt, Foto: Stefanie Kösling

Bist du das aufgescheuchte Huhn, voller Panik? Der ignorante Strauß, der angesichts der Klimakrise lieber den Kopf in den Sand steckt? Oder doch schon die fleißige Biene voller Tatendrang? Ich glaube, ich bin die langsame Schildkröte: Schritt für Schritt mache ich mich auf den Weg. Ob mir die Ausstellung wohl helfen kann, etwas schneller in die Gänge zu kommen? Ja!

Eine Ausstellung für Klimaschützer:innen und die, die es werden wollen

Die Ausstellung lässt sich grob in vier Einheiten gliedern. Der Anfang der Ausstellung schickt die Besucher:innen auf eine „persönliche Veränderungsreise“. Die Faktenlage zum Klimawandel und die Folgen des persönlichen Handels werden angesprochen. Den Besuchenden werden hier Impulse gegeben, das eigene Verhalten und Gefühle auszusprechen und zu reflektieren. Hier werden die Klimatiere gewählt und geben Aufschluss, welche Emotionen aktivierend oder hemmend wirken und wie wir diese für uns nutzen können. Die darauf folgende Einheit beschäftigt sich mit der Kommunikation der letzten 50 Jahre über den Klimawandel. Es geht um Katastrophendrohungen, Fakten, Fake News und wie diese unser Handeln bestärkt oder auch gehemmt haben. Stimmungsaufhellend gibt es danach die mutmachenden und inspirierenden „Changemaker“: beispielhafte Bewegungen und Aktionen, die zeigen, was die Menschen zusammen schon alles erreicht haben. Zu diesem Abschnitt gehört auch die „Mach Bar“, die im Folgenden noch vorgestellt wird. Den Abschluss der Ausstellung bildet der hoffnungsvolle Blick in die Zukunft. Hier wird das Jahr 2050 vorgestellt, in dessen Vergangenheit die Menschen es geschafft haben aktiv zu werden, den Kipppunkt der Klimakrise verhindert haben und Frankfurt in eine grüne und klimaneutrale Stadt verwandeln konnten.

Klimawandel verständlich machen

In dieser Ausstellung geht es nicht – wie meistens im Museum – um die Exponate. Diese wirken höchstens illustrierend. Es geht um ein Thema: unser Klima und wie wir es verändern (können). Dabei stehen die Wissensvermittlung und Aufklärung im Mittelpunkt. Der Großteil der Ausstellung spielt sich an den Ausstellungsmöbeln ab: Texte, Hörstationen und Grafiken gibt es überall. Darüber hinaus will die Ausstellung mutmachend und aktivierend wirken – Unsere Zeit zu Handeln ist JETZT. Doch woran scheitert unser Handeln? Aktives Mitdenken und Mitmachen seitens der Besuchenden ist gefragt. Dafür gibt es mehr als genug interaktive und partizipative Stationen. Es ist eine Ausstellung für Klimaschützer:innen und alle, die es werden wollen – mit besonderen Fokus auf die Stadt Frankfurt und seine Menschen, die bis zum Jahr 2035 klimaneutral werden wollen.

Klimakrise im Museum für Kommunikation

Die zentrale Frage der Ausstellung ist jedoch nicht, was ist Klimawandel? Sondern: Wie kommunizieren wir (als Gesellschaft) über den Klimawandel, seinen Ursprung und unsere Handlungsmöglichkeiten? Wieso tun wir nicht, was wir wissen? Wie können und müssen wir unsere Denkweise, unser Verhalten und unsere Kommunikation verändern?

Hier wird unter anderem auf die Klimaaktivistin Greta Thunberg mit der Fridays for Future-Bewegung und die mediale Empörung über das „Schulschwänzen“ eingegangen oder auf die journalistische Berichterstattung, die sich über die Jahre vom lähmenden „Katastrophismus“ zur lösungsorientierten Berichterstattung verändert hat. Weiter geht es mit der Individualisierung der Verantwortung durch die Werbekampagne des Ölkonzerns BP 2004, die über den individuellen CO² Fußabdruck aufklärte und die Verbraucher:innen in die Verantwortung nahm. Auch erwähnenswert ist der lebensgroße, tieftraurige Eisbär, der als zu abstrakte Ikone des Klimawandels thematisiert wird.

Wie es im Museum für Kommunikation Standard ist, gibt es auch in dieser Ausstellung wieder zahlreiche Audioelemente und spielerische Hands-On-Stationen. Dort kann Wissen vertieft, reflektiert oder (über die Ausstellungsoberfläche) mit den anderen Besuchenden kommuniziert werden. Es gibt zum Beispiel ein drehbares „Glücksrad“ mit bekannten Ausreden, um nicht zu handeln oder eine Wand, um die eigenen Wünsche für die Zukunft aufzuschreiben.

Foto 2: Ausreden und „Diskurse der Verzögerung“ halten uns davon ab, hier und jetzt das zu tun, was notwendig ist. Die Besucher:innen werden aufgefordert, ein Ausreden-Glücksrad zu drehen. © Museum für Kommunikation Frankfurt, Foto: Stefanie Kösling

Wege entstehen dadurch, dass man sie geht.

Im nächsten Abschnitt der Ausstellung finden sich die „Gamechanger“. Hier werden vergangene Beispiele vorgestellt, die große Veränderungen bewirkt oder angestoßen haben. Es wird vermittelt: Jeder Schritt hilft, schaut was wir schon erreicht haben! Vertreten sind zum Beispiel die Anti-Atomkraft-Bewegung, ein gelbes Banner von Greenpeace oder die Klimaklage. Außerhalb der „grünen“ Themen wird hier auch auf andere errungene Veränderungen wie die DDR-Bürgerrechtsbewegung, das Rauchverbot, HIV-Prävention und Aufklärung sowie die Frauenbewegung eingegangen. Neben den allgemeinen Bewegungen stehen die sogenannten Klima_Pionier:innen. Die Ausstellung läd dazu ein, sich zu den „Pionier:innen“ an einen Tisch zu setzen. Durch die großen Bildschirme, die auf den Stühlen stehen, kommt es einem fast wirklich so vor, als würden sie dort sitzen und ihre Geschichte erzählen. Begeistert war ich auch von der sogenannten „Mach Bar“; dort liegen Bücher und Ratgeber, verschiedene Flyer und Programme aktueller Klimabewegungen Frankfurts und Hessens aus. Darunter auch das Bürgerbegehren Klimaentscheid Frankfurt am Main, was von Frankfurter:innen direkt in der Ausstellung unterschrieben werden kann. Die „Mach Bar“ zeigt, dass und wie Klimaveränderung machbar ist – Andere machen es auch schon.

Foto 3: An der MachBar können Besuchende Initiativen und Aktionen kennenlernen, die es in ihrer Stadt gibt. © Museum für Kommunikation Frankfurt, Foto: Stefanie Kösling

Die besuchsfreundliche Gestaltung

Durch die intuitive Wegeführung der Ausstellung und das Kennzeichnen von Themeneinheiten findet man sich im Raum gut zurecht. Durch die Verwendung von vielen Audio- und Videostationen, Hands-On-Einheiten und den Einsatz vieler Grafiken werden alle Sinne angesprochen und der Zugang zum Thema erleichtert. Die Texte sind kurz und verständlich gehalten und wie es im Haus üblich ist, zweisprachig auch in Englisch übersetzt. Die Raumatmosphäre ist sehr ansprechend gestaltet. Die szenischen Nachbauten erinnern an einen grünen Wald, an Eisberge oder eine grüne Stadt. Abgeschlossen haben die Kuratierenden ihre Klimaerzählung mit einem hoffnungsvollen Ausblick. Im Ambiente einer grünen Dachterrasse können die Besuchenden auf Liegestühlen platznehmen, „in das Jahr 2045 telefonieren“ und sich berichten lassen, wie ein klimaneutrales Deutschland aussieht. Über Ferngläser wirft man einen Blick auf das grüne und florierende Frankfurt.

Foto 4: Die Besuchenden können vier Personen anrufen, die aus der Zukunft im Jahr 2045 erzählen. © Museum für Kommunikation Frankfurt, Foto: Stefanie Kösling

Ausdrückliche Besuchsempfehlung

Mit der Sonderausstellung KLIMA_X hat das Museum für Kommunikation eine Präsentation geschaffen, die auf einfache und verständliche Art und Weise vermittelt, worum es beim Klimawandel eigentlich geht. Die wichtigste Botschaft ist hierbei, dass wir noch immer die Möglichkeit haben, zu handeln. Der hoffnungsvolle Ausblick in eine Zukunft, in der wir nicht scheitern, ermutigt und aktiviert. Durch die Vorstellungen der lokalen Initiativen kann diese Energie gleich in Handlungen umgewandelt werden. Die ansprechende, ästhetische Gestaltung trägt zu einem angenehmen Zeitvertreib bei. Auch ein Blick in den Veranstaltungskalender lohnt sich. Nach dem Auftakt der Eröffnung mit der Klimashow des Berliner Ensembles vollehalle hat das Museum noch weitere Veranstaltungen in petto und begleitet die Ausstellung mit einem einladenden Rahmenprogramm. Wie üblich gibt es Führungen durch die Ausstellung, aber auch den monatlichen Debatten-Dienstag zum Thema Infocalypse now? Erwähnenswert ist außerdem der Aktionstag Connect local, an welchem sich Umweltinitiativen vorstellen und zum Upcycling und Kleidertausch einladen.

Museum für Kommunikation Frankfurt: 13. Oktober 2022 bis 27. August 2023

Kuratierung: Katja Weber

Gestaltung: Studio It’s about, Berlin

2 Gedanken zu “Wieso tun wir nicht, was wir wissen? – Die Ausstellung KLIMA_X im Museum für Kommunikation Frankfurt – von Anna Glombitza

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