Liebe Leser:innen,
jedes Wintersemester findet an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg, Professur für Museologie ein studentisches Seminar zur Ausstellungsanalyse statt. Im Wintersemester 2019/20 haben die Studierenden mit einer von mir im Rahmen meines Dissertationsprojektes entwickelten neuen Methode das Ludwig Erhard Zentrum in Fürth bei Nürnberg untersucht. Drei der im Seminar entstandenen Analysen können Sie im Folgenden in Ausschnitten und in besonderer Form lesen: Für diesen Blog hat die Redaktion die Berichte so kombiniert, dass sie sich ergänzen und gegenseitig kommentieren und ganz nebenbei verschiedene mögliche Sichtweise auf ein und dieselbe Ausstellung aufzeigen.
Carla-Marinka Schorr, Doktorandin an der JMU Würzburg
Aline Eckert: Das Museumserlebnis des LEZ in Fürth beginnt im Geburtshaus Ludwig Erhards, das man durch eine auffällig grüne Tür betritt. Drei Fenster links geben den Blick frei in das anliegende Café. Dieses eröffnende Bild unterstützt die Hauptaussage der Ausstellung: Wirtschaft ist überall und wir erleben sie jeden Tag. Gegenüber befinden sich drei Collagen, welche die thematischen Säulen der Ausstellung illustrieren: Zeitgeschichte, Ludwig Erhard und soziale Marktwirtschaft.
Das zweite Obergeschoss

Der erste Ausstellungsraum thematisiert die Geburt und frühe Kindheit Erhards. Der Anstrich in Baby-Blau erzeugt in Kombination mit dem warmen, dämmrigen Licht eine angenehme Atmosphäre. Zu meiner Rechten befindet sich eine runde Texttafel, mit dem Titel „Herkunft und Kindheit“ – der einführende Raumtext. Neben diesem sind auch alle anderen Texttafeln und Vitrinen rund gestaltet – ein Symbol für Erhards rundum behütete Kindheit? Eine Wiege in der Ecke des Raumes dient als Symbol für das, was Erhard von seinen Eltern in die Wiege gelegt bekam, sowie für die Rolle des Geburtshauses als „Wiege der Sozialen Marktwirtschaft“. Erhards Jugend war durch vier Gegebenheiten geprägt: Die katholisch-protestantische „Mischehe“ der Eltern, die ihn zu religiöser Toleranz erzog; die Erkrankung an Kinderlähmung, die ihn mit einem deformierten rechten Fuß zurückließ; die Kaisertreue seines Vaters, die Erhard später dazu (ver-)führte, sich trotz seines Handicaps freiwillig als Soldat zu melden und das Geschäft der Eltern, das Erhard in die kaufmännische Welt einband. Zusammen vermittelt dies den Eindruck, als wäre Erhard von Geburt an für die Wirtschaft vorbestimmt.
Magdalena Beyrich: Die Beleuchtung wird durch runde Vitrinen gesteuert, in denen schwarz-weiß Bilder der Familie Erhard von hinten angeleuchtet werden. Die blaue Farbe und die runden Formen lassen in mir ein Gefühl von Geborgenheit aufsteigen. Eine Holzwiege ist das einzige haptische Objekt im Raum. Sie ist kein Originalobjekt und besitzt keine Beschriftung. Sie gilt als Symbol: „Die Wiege der sozialen Marktwirtschaft“. Es wird deutlich, dass alle weiteren Geschehnisse auf die Kindheit, also auf Erhard selbst, aufbauen und er am Ende als die Wiege der sozialen Marktwirtschaft steht.

A.E.: Im zweiten Raum geht es um das Weißwarengeschäft der Erhards und die allgemeine Wirtschaftslage in Fürth. Ein Stapel Kisten aus hellem Holz an der hinteren Wand weckt mein Interesse. Die oberste ist aufgestellt und wie ein Koffer geöffnet. Eine glänzend-schwarze Texttafel informiert umfangreich über die Zeit des Kaiserreiches von 1871 – 1918. Eine drehbare Walze zeigt einen Zeitstrahl mit historischen Ereignissen, wie z.B. die Reichsgründung 1871. Spannender ist die rechte Seite des Koffers. Dort befindet sich ein Bildschirm, auf dem per Knopfdruck ein Kurzfilm abgespielt werden kann. Inhaltlich sieht man den Fürther Komödianten Volker Heißmann mit Kaiserbart, der von den ärmlichen Verhältnissen der Bevölkerung in der Kaiserzeit erzählt. Eine durchaus gewagte Besetzung, für eine derart ernste Thematik. Als Besucherin begrüße ich jedoch diese komödiantische Darstellung, die das Thema zum einen interessanter mach und etwas auflockert und zum anderen einen lokalen Bezug zur Stadt Fürth herstellt.
Esther Kaack: Fürth wird in diesem Raum als eine sich industrialisierende Stadt im Kaiserreich vorgestellt, wofür auch das Textilgeschäft der Erhards als Beispiel dieser prosperierenden Zeit beschrieben wird. Der Hauptproblematik der Industrialisierung anhand der Sozialen Frage widmet sich nur ein kurzer Exkurs mittels einer kleineren Texttafel. Sie steht jedoch in keiner Verbindung mit dem Familiengeschäft. Man fokussiert sich auf die positiven Aspekte des Fortschritts, dessen Profiteure Fürth und die Erhards sind.
M.B.: Der zweite Ausstellungsraum ist mit weißer Wandfarbe und weißen Vitrinen mit Lichteffekten ausgestattet. Insgesamt wirkt der Raum hell und positiv, was das Thema des wirtschaftlichen Aufschwungs im Kaiserreich, speziell in Fürth, wiederspiegelt. Die Vitrinen im Raum stellen das Wachstum Fürths im Kaiserreich dar. Fürth wird zu einer Industriestadt, die wichtigsten Branchen sind hierbei Metallverarbeitung, Erzeugung von Bier, Spielzeug und Spiegeln. Objekte aus diesen Branchen sind in einer Vitrine ausgestellt. Dazu ist eine Stadtkarte Fürths abgebildet und ein Bildschirm, dessen Höhe für Erwachsene, Kinder und auch Menschen mit einer Behinderung geeignet ist. Hier sind verschiedene Buttons zu den Themen für vertiefende Informationen verfügbar.
A.E.: Ich gehe weiter in den dritten Raum. Passend zum Thema „Erster Weltkrieg“ ist dieser dunkel gestaltet. Doch mein Blick wird zunächst von einem weiteren Koffer angezogen. Was Volker Heißmann wohl zu erzählen hat? Das Video wird nach einem gar belustigenden Einstieg – ein Anblick von Volker Heißmann mit zu kleiner Pickelhaube auf dem Kopf und Steckrüben in der Hand – schnell ernster, was die Zweifel an der Besetzung vollständig ausräumt. Eine Hörstation mit originalen Tonaufnahmen aus dieser Zeit verschafft mediale Abwechslung. Ich trete weiter in den Raum hinein und erkenne, dass die Tapete an der Wand unüblich für ein Museum ist, sondern eher in ein Wohnhaus passt. Erst hier werde ich mir den räumlichen Begebenheiten bewusst. Die Aura des historischen Gebäudes scheint in der Ausstellung überwiegend von eben dieser überdeckt zu werden. Für mich persönlich wird ein Ort authentisch durch das Gefühl, der Vergangenheit nah zu sein, wenn dort Spuren der Vergangenheit (wie z.B. originale Einrichtungsgegenstände) zu sehen sind. Diese Authentizität geht im Geburtshaus an vielen Stellen verloren.
M.B.: Der dritte Ausstellungsraum hat sofort eine Anziehung auf mich, er ist dunkel und nur durch die Ausleuchtung der Bilder erhellt. Diese sind an einer Stahlkonstruktion befestigt. Beleuchtete Schriftzüge, wie „durch Krieg zum Sieg“ und „gebt Geld für Hindenburg“, fallen sofort auf. Der Raum thematisiert den ersten Weltkrieg. Der erste Blick fällt auf ein Video mittig im Raum. Es sind historische Aufnahmen vom Ausbruch des 1. Weltkrieges, die von einer Ansprache Kaiser Wilhelm II. begleitet werden. Es sticht hervor, wie die Männer bestärkt wurden, in den Krieg zu ziehen. Dazu wird die Verherrlichung des Kaisers durch Objekte gezeigt, beispielsweise Spielkarten und Christbaumschmuck, auf denen sein Gesicht abgebildet ist. Hier wird die Propaganda während der Zeit, vor allem im Alltagsleben, verdeutlicht. Ludwig Erhard ist in diesem Raum zwar nicht präsent, so wird allerdings seine Rolle im 1. Weltkrieg relativiert.

A.E.: Ich betrete den nächsten Raum, der Erhards Rolle im ersten Weltkrieg thematisiert und beginne sofort, nach dem nächsten Koffer zu suchen. Doch meine Suche bleibt erfolglos. Stattdessen wird mein Blick von einer recht ungewöhnlichen dreieckigen Spiegelvitrine in der Mitte des Raumes eingefangen. Mich selbst sehe ich in dem Spiegel nicht. Folglich ist er nicht dazu gedacht, das Thema auf den Besucher selbst zu reflektieren. Doch wozu dann? Auch die darin ausgestellten Objekte scheinen keinen direkten Bezug zu Ludwig Erhard zu haben. Beim Umrunden der Vitrine erkenne ich, dass diese gar nicht drei-, sondern viereckig ist. Verwirrt wende ich mich dem Raumtext zu: „Ludwig Erhard im Zeitenumbruch“. Vielleicht deshalb diese täuschende Vitrine, die nicht nur einen Bruch in der Optik darstellt, sondern, durch ihre nicht klare Funktion, auch einen Bruch in der gesamten Ausstellung. Ein Zitat Erhards über dessen „heitere Erlebnisse des Soldatenseins“, auf einer Vitrinenseite zeugt von seiner Kaisertreue. Gestützt wird dies zudem durch Schlagwörter wie „Patriotismus“, „Kaiser Gott Vaterland“ und „Kameradschaft“ an der Wand. Neben der Tür plötzlich: „Niederlage“.
M.B.: Der nächste Raum, in dem es um Erhards Rolle im Krieg geht, ist wiederum hell gestaltet. Der erste Blick fällt auf eine große Spiegelvitrine, die mittig im Raum platziert ist. Hier werden medizinische Instrumente ästhetisch dargestellt, sowie mögliche Kriegswunden und wie diese behandelt wurden. Der Raum stellt dar, warum Erhard sich entschied, in den Krieg zu ziehen. Es werden die positiven Seiten des Kriegseintritts hervorgehoben, aber es findet auch eine Darstellung von Niederlagen und Wunden statt. In diesem Raum liegt das Augenmerk wieder auf Ludwig Erhard selbst. Das Handeln Erhards wird in einem großen Gesamtgefüge vermittelt und erhält dadurch im einzelnen weniger Gewicht und Widerstand.
E.K.: In diesem Raum soll mir als Besucher, unter Einbezug von Erhards persönlicher Geschichte aufgezeigt werden, dass dieser sich während des Krieges den Werten seiner Zeit entsprechend korrekt verhalten habe. Die Ideale der Kaiserzeit, die als die Raumüberschriften „Patriotismus“, „Kaiser Gott Vaterland“ und „Kameradschaft“ unübersehbar sind, werden durch ihre direkte Verbindung mit Ludwig Erhards Tätigkeit als Soldat auch als seine Eigenschaften klassifiziert. In dem ausgestellten Zitat des späteren Wirtschaftsministers hört man ihn als leidenschaftlichen und pflichtbewussten Soldaten. Durch das gewählte Zitat und die idealisierenden Raumüberschriften lenkt die Ausstellung den Fokus von den Kriegsschrecken, auf die positiven Erlebnisse der Soldaten. Ein moralischer Diskurs wird so verhindert.
A.E.: Erhard erlitt selbst auch eine Niederlage. Durch schwere Kriegsverletzungen sieht er sich nicht in der Lage, das elterliche Geschäft weiterzuführen. Er beschließt, einen „Neuen Weg“ einzuschlagen und beginnt ein Studium an der Handelshochschule in Nürnberg. Davon berichtet der fünfte Ausstellungsraum. Statt herkömmlichen Vitrinen, finden sich hier aus den Wänden herausragende Pyramidenstümpfe. Sind die gestutzten Pyramiden gleichbedeutend mit Erhards Handicap durch seine Verletzungen? Zur Rechten entdecke ich eine verdunkelte Scheibe durch die schemenhaft eine Kirche zu erkennen ist. Auf Knopfdruck startet ein projiziertes Video von der Hochzeit Erhards mit Luise Schuster. Passend zum Film ertönen immer lauter werdende Kirchenglocken und der Raum hinter der Vitrine wird erhellt, was den Blick auf eine modellierte Hochzeitsszene und die Eheringe des Paares freigibt. Die anderen Vitrinen dieses Raumes arbeiten ebenfalls mit dieser interessanten Technik.
M.B.: Im 5. Ausstellungsraum wird die Nachkriegszeit behandelt. Es wird vermittelt, dass eine neue Phase beginnt, der Fokus liegt hierbei erneut auf Erhard. Die Raumgestaltung symbolisiert einen Neubeginn. Er ist ausgestattet mit einer rosa Tapete, die mich an ein Klischee eines Mädchenzimmers denken lässt. Es entsteht eine friedliche Atmosphäre durch die Thematisierung der persönlichen Ebene durch persönliche Exponate. Beispielsweise die originalen Eheringe der Erhards, ein altes Kochbuch und Studienunterlagen.

A.E.: Im nächsten Raum überwältigen mich Bildschirme mit durchratternden Zahlen, wie bei Kilometerzählern. Ich drehe mich zum Raumtext um und lese: „Kriegsniederlage und Reparationszahlungen beschleunigen die Geldentwertung“. Beschleunigung ist das Schlüsselwort dieses Raumes, in dem eine Informations- und Reizverdichtung stattfindet. Die zahlreichen Texte auf der linken Seite kann ich nur mit Mühe lesen, da sich die gegenüberliegenden Bildschirme in der glänzenden schwarzen Tafel spiegeln. Am Ende des Raumes befindet sich als Symbol für die Deflation eine Reihe umfallender Dominosteine. Meiner Meinung nach haben die Kuratoren damit das perfekte Bild für dieses Thema ausgewählt.
M.B.: Der letzte Ausstellungsraum im 2. Obergeschoss greift erneut ein allgemeines Thema auf: Inflation und Wirtschaftskrise. Der Raum ist dunkel gehalten, Licht bekommt er durch den starken Einsatz von Medien. An der rechten Seite sind fünf große Bildschirme nebeneinander verortet. Hier werden Original-Ausschnitte der damaligen Zeit präsentiert. Gegenüber wird durch Bilder und Jahreszahlen mit kurzen Beschreibungen, chronologisch übersichtlich, die Inflation detaillierter beschrieben. Die Besonderheit des Raumes ist, dass eine Art Gegenspieglung der beiden Seiten stattfindet. Durch dieses Inszenierungsmittel werden die zwei unterschiedlichen Inhalte gefühlt vermischt. Es wird das Gefühl einer Ohnmacht, die auch zur damaligen Zeit herrschte, heraufbeschworen.
Das erste Obergeschoss

M.B. Die Fortsetzung der Ausstellung erfolgt im 1. Obergeschoss. Die Besonderheit hierbei ist, dass das 1. Obergeschoss das 2. Obergeschoss inhaltlich, sowie von der farblichen Gestaltung spiegelt. Ähnliche Emotionen und eine Identifizierung mit den Inhalten werden hervorgerufen. Es wird erwartet, dass die Vernetzung von den beiden Ebenen eine Stütze bei der Rezeption der Themen ist.
A.E.: Ich begebe mich in den zweiten Teil der Ausstellung, der sich im ersten Obergeschoss befindet. Im ersten Raum werden die aussagekräftigen Bilder wortwörtlich zu sprechenden Bildern. Ich finde mich wieder, umgeben von Porträts bekannter Ökonomen der letzten zwei Jahrhunderte. Darunter unter Anderem Karl Marx und John M. Keynes. Zu meiner Überraschung bewegen diese Bilder ihre Augen und blinzeln. Unter jedem Porträt findet sich ein Hörer. Nimmt man diesen in die Hand, beginnt das Bild zu sprechen mitsamt Mimik und passendem Akzent. Ich bin jedoch so abgelenkt von den Bewegungen, dass ich mich nicht auf den Inhalt der zudem noch sehr langen Hörsequenzen konzentrieren kann. Unterstützende Texttafeln könnten hier möglicherweise zum besseren Verständnis beitragen. Zum Glück klärt mich der Raumtext darüber auf, dass es sich um die Überlegungen der Ökonomen zum Verhältnis von Staat, Gesellschaft, Wirtschaft und Sozialem handelt.
M.B.: Der erste Ausstellungsraum im 1. Obergeschoss thematisiert das Wirtschaftswissen. Hier stehe ich vor verschiedenen Gemälden mit Größen der Wirtschaft, wie Karl Marx und Adam Smith. Ich kann mich über Hörer, die an jedem Gemälde angebracht sind, über ihre Wirtschaftstheorien aufklären lassen. Das Besondere hierbei ist, dass ich scheinbar mit der Person ein Gespräch führe, da sich die Augen und Lippen mitbewege. Simultan zum zweiten Stock, sind nun anstatt seiner Familie, diese Personen seine Vorbilder, Vorreiter und Wegweiser.
E.K.: Ludwig Erhard wird in dem Raumtext als Akademiker beschrieben, der negative wirtschaftliche Entwicklungen, wie die Wirtschaftskrisen, bereits früh kritisiert habe. Das bereits bestehende Narrativ, des sich stets richtig verhaltenden Ludwig Erhards, wird hier durch das des intelligenten Wegweisers ergänzt. Denn umgeben von den Portraits männlicher Wirtschaftswissenschaftler, die mit ihren Theorien Antworten auf die Problematiken der Zeit bieten, wurde Ludwig Erhard seitens seiner Darstellung in diesem Museum heute in die Reihe seiner Vorbilder aufgenommen.

A.E.: Im nächsten Raum erblicke ich einen alten Freund. Das Koffervideo liefert einen schnellen Durchgang durch die Weimarer Republik: Versailler Vertrag, Inflation, erste Gewerkschaften, die goldenen Zwanziger und der Börsencrash. Ein Frame an der gegenüberliegenden Wand zeigt die Vernetzung Erhards in der Welt der Wirtschaftswissenschaften unter anderem mit Franz Oppenheimer und Wilhelm Vershofen. Gegenüber befindet sich eine glänzendschwarze Tafel, die den Zerfall der Weimarer Republik thematisiert und Wahlplakate und Bilder von Adolf Hitler zeigt. Nachdem die drei thematischen Säulen bisher alleinstehend betrachtet wurden, befinden sich in diesem Raum allgemeine und persönliche Geschichte im Zwiegespräch, was durch die räumliche Gegenüberstellung unterstützt wird.
E.K.: Der Darstellung der Weimarer Republik, die von den rechten und linken politischen Extremen geprägt war, stehen die „Orientierungsversuche“ (Überschrift der Texttafel) Ludwig Erhards gegenüber. Er habe zwar eine sozialere Politik gefordert, sei in dieser Zeit der Extreme aber politisch gemäßigt geblieben und habe sich in der Schlussfolgerung damit genau richtig verhalten. Eine scheinbare Erkenntnis, die sich auffällig häufig wiederholt, keinen Raum für andere Auffassungen offenlässt oder mich zur Entwicklung dieser anregt (vgl. Pohl, Karl Heinrich: Wann ist ein Museum „historisch korrekt“? „Offenes Geschichtsbild“, Kontroversität, Multiperspektivität und „Überwältigungsverbot“ als Grundprinzipien musealer Geschichtspräsentation. In: Hartung, Olaf (Hg.): Museum und Geschichtskultur. Ästhetik – Politik – Wissenschaft. Bielefeld 2006. S. 280, 283).
M.B.: Der nächste Raum ist, genau wie im 2. Obergeschoss, erneut in schlichten Farben gehalten. Auffällig ist hier eine netzartige Struktur auf der Tapete, die als große Mind-Map an der Wand wieder aufgegriffen wird. Thematisiert werden dadurch Erhards persönliche Verbindungen zu seinem Doktorvater Franz Oppenheimer und dem Nationalökonom Wilhelm Vershofen. Seine ersten Versuche in der Welt der Wissenschaft und Wirtschaft werden hier betont. Die Weimarer Republik und ihr Zerfall sind diesen Versuchen gegenübergestellt.

A.E.: Architektonisch ist der darauffolgende Raum sehr interessant. Auf schiefen Pfeilern angebrachte LED-Matten verkünden Schlagwörter wie „Deutsche Arbeitsfront“ oder „staatliche Wirtschaftslenkung“ in roten Leuchtbuchstaben, die in dem dunklen Raum grell und aggressiv wirken. Die schrägen Pfeiler finden sich auf der Tapete wieder, durch die der Raum wie ein Gefängnis wirkt. Der Deutsche gefangen im eigenen Land?
M.B.: So wie im 2. Obergeschoss auch, wirkt der 3. Ausstellungsraum erneut dunkel und geheimnisvoll. Der Raum ist zusätzlich mit schrägen Balken, an denen Audiostationen angebracht sind, und Sitzgelegenheiten ausgestattet. Der Fokus fällt wieder zuerst auf ein Video, das vom NS-Regime zu Propagandazwecken erzeugt wurde. Das museale Konzept stützt sich hier auf eine Verbindung von architektonischen Elementen mit Texten und Illustrationen. Diese lenken die Rezeption und die Wahrnehmung in eine bestimmte Richtung, sie wecken Neugier, aber lassen auch vor der Grausamkeit zurückschrecken.
A.E.: Der anschließende Raum trägt den Titel „Ludwig Erhard im Dritten Reich“. Während damals vieles sprichwörtlich unter den Teppich gekehrt wurde, soll eben dieser angehoben werden. Der Teppich wird dabei durch den Holzboden symbolisiert, aus dem in der Mitte ein Teil herausgeschnitten und ähnlich wie eine halbe Halfpipe aufgestellt wurde. Hinter dem aufgestellten Boden befindet sich ein Aktenschrank, von dem sich einige aber nicht alle Fächer öffnen lassen. Sind doch noch ein paar Dinge unbekannt bzw. sollen nicht ans Tageslicht gelangen? Erhards Position im Dritten Reich scheint klar. Der weiße Raum wirkt wie eine weiße Weste, die Erhard von jeglicher Mitschuld freispricht. Dazu zeugen zahlreiche Dokumente und Zitate von Erhards Distanz zur NSDAP und seinen Kontakten zu jüdischen Deutschen.
M.B.: Dieser Raum ist wieder hell gehalten. Anstatt einer großen Spiegelvitrine ist hier ein enormer Aktenschrank inmitten des Raumes vorzufinden. Dieses Mal ist Ludwig Erhard als Wirtschaftsberater im 2. Weltkrieg zuständig und nicht als Soldat. Der Unterschied zum 2. Stock ist, dass der Krieg nicht mehr als etwas Positives gesehen und der Raum dadurch schlicht gehalten wird.
E.K.: Nach Betreten dieses Raumes, wird mir mit jeder Texttafel und jedem ausgestellten Dokument deutlicher vermittelt, dass Ludwig Erhard sich zur Zeit des Nationalsozialismus moralisch korrekt verhalten habe und keinerlei Schuld für die vielfachen Straftaten des Staats trage. Bereits der erste Satz der ersten Texttafel in dem Raum „Ludwig Erhards Haltung gegenüber dem NS-Staat ist von Skepsis und Distanz bestimmt“, setzt den Ton für die folgenden Informationen. So war er beruflich in beratender Funktion tätig und habe sich den politischen Gegebenheiten nur so weit angepasst, wie es nötig gewesen sei, ist jedoch nie in die Partei eingetreten und habe dessen Ideologie auch nicht unterstützt. Dieses Unschulds-Narrativ wird anhand mehrerer Dokumente begründet, die durch das allgemeine Vertrauen auf die Bürokratie keine Zweifel offenlassen sollen. Die Frage einer kollektiven Schuld, oder inwiefern auch das Beraten einen in diese involviert, wird gar nicht erst gestellt, Ludwig Erhard viel mehr aus dieser herausgelöst. Denn an diesem Punkt der Ausstellung gilt es, seine Beteiligung an der späteren Regierung der Bundesrepublik rechtfertigen zu können. Dabei wird mir zwar suggeriert, umfassend informiert zu werden, man widmet diesem Thema einen gesamten Ausstellungsraum und präsentiert entsprechende Flachware, eine Kontroversität der Meinung (Meint, dass historische Ereignisse nie eindeutig interpretierbar, sondern nur verschieden erklärbar sind. Auch diese unterschiedlichen Erklärungen sind nicht vollkommen, sondern müssen in dem wissenschaftlichen Diskurs, weiter kontrovers betrachtet werden. Diese Diskussion kann nie beendet sein. (Vgl. Pohl, S. 282.)) wird faktisch aber verhindert.
A.E.: Der nächste Raum fällt vor allem durch seine Farbgebung auf. Vor den grünen Wänden stehen rote Sockel für Vitrinen und Texte. Thematisiert werden die „Überlegungen für die Nachkriegszeit“. Die Komplementärfarben illustrieren womöglich den Zwiespalt zwischen der Hoffnung auf einen wirtschaftlichen Neuanfang und der nationalsozialistischen Befangenheit vieler Ökonomen.
M.B.: Der 5. Ausstellungsraum dient auch hier wieder der Darstellung der Nachkriegszeit. Die Holzbalken an der Decke sind freigelegt und die Tapete ist grün. Erneut wird eine friedliche Stimmung durch die Wohnzimmeroptik hervorgerufen. Hier werden mit Hilfe von Sockeln Denkschriften präsentiert, die von Erhard und anderen Größen verfasst worden sind. Trotz der gemütlichen Atmosphäre wird in mir der Gedanke groß, warum ist das so? Wer sind die anderen Männer hinter den Denkschriften? Es wird deutlich, dass die Kuratoren hier stark in der Materie eingebunden waren und es manchmal Komplikationen mit sich bringt, Ausstellungstexte für andere zu schreiben, die keine Experten sind.

A.E.: Der letzte Ausstellungsraum ist dunkel und erinnert an einen Kinosaal: auf der rechten Seite sind mehrere Bildschirme zu einer Projektionsfläche zusammengefügt, auf der Filmaufnahmen des zerstörten Nachkriegs-Deutschlands ablaufen. Im Hintergrund ertönt die amerikanische Nationalhymne. Dieses Ende der Ausstellung – das Zusammenspiel von Atmosphäre, Video und Musik – ergreift mich besonders und stimmt mich melancholisch. Zugleich stelle ich mir die Frage: „Wie soll es jetzt weitergehen?“. Die Ausstellung endet mit einem gekonnt gesetzten Cliffhanger, der als Pushfaktor funktioniert, der die Besucher in den zweiten Teil der Ausstellung im Neubau treibt.
M.B.: Im dunkel gehaltenen, letzten Raum der Ausstellung „Die Wiege der sozialen Marktwirtschaft“ befinden sich similär zu oben auch einige Bildschirme an der rechten Wand. Sie zeigen dieses Mal verzweifelte Menschen, zerstörte Städte, das Ankommen der Amerikaner, das Wegräumen der Waffen und die Sprengung des Hakenkreuzes. Gegenüber den Bildschirmen befindet sich eine Sitzgelegenheit.
E.K.: Dieser Reaktion kann ich mich anschließen. Denn der abschließende Satz im letzten Raum der Ausstellung „Deutschland hört auf als Staat zu existieren“ (Zitat von Texttafel, Foto vorhanden), fungiert gemeinsam mit gezeigten Filmaufnahmen zerbombter deutscher Städte als anregender Teaser auf die Ausstellung im Haupthaus. Es stellt sich mir automatisch die Frage, wie es von dieser Situierung aus möglich war, ein heute wohlhabendes und lebenswertes Land hervorzubringen. Die Antwort des Museums darauf lautet: durch Ludwig Erhard und seine Umsetzung der Sozialen Marktwirtschaft.
Dass der Wiederaufbau Deutschlands und das Wirtschaftswunder Errungenschaften sind, ist geschichtswissenschaftlich bestätigt. Doch die starke Herausstellung Erhards Person und die emotionale Beeinflussung des Besuchers, durch die dramatische Gestaltung dieses Raumes, geht nicht mit geschichtswissenschaftlichen Grundsätzen konform. Diese stehen einer unreflektierten Heldenverehrung, wie sie hier durch das Narrativ, des sich allzeit korrekt verhaltenden Ludwig Erhards, stattfindet, skeptisch gegenüber (Vgl. Pohl, S. 277) und fordern ein fachliches Überwältigungsverbot. Dies sieht vor, dass sich der Besucher stets den Aussagen der Ausstellung entziehen kann und nicht durch ihre fachliche und inszenatorische Überlegenheit überwältigt wird (Vgl. Pohl, S. 285).
Fazit
Eine große Stärke der Ausstellung des LEZ ist die Verwendung ausdrucksstarker Bilder, mit denen es gelingt, Besucherinnen wie mich auf einer emotionaleren Ebene anzusprechen: der Blick ins Café, die Wiege, die Dominosteine, der Kinosaal. Die Ausstellung vermittelt ein klares Bild von dem Fürther Jungen, der von Anfang an für die Wirtschaft vorherbestimmt war. Die Schwerpunktsetzung auf Ludwig Erhard und die soziale Marktwirtschaft bietet dabei einen angenehm abwechslungsreichen Blick auf die Zeitgeschichte. Die Aufteilung auf zwei Gebäude erscheint im Rückblick durchaus sinnvoll. Das Geburtshaus dient dabei als thematische Einführung. (Dieses Konzept kennt man auch aus anderen Geburtshäusern, wie dem von J.S. Bach in Eisenach). Der Neubau des LEZ bietet anschließend die Möglichkeit selbst aktiv zu werden.
M.B.: Das Besondere an der Ausstellung ist die mannigfaltige Raumgestaltung und die Spiegelung dieser vom 2. zum 1. Obergeschoss. So können die Besucher:innen erahnen, was sie erwartet und können auf diese Art und Weise schneller verstehen und rezipieren. Außerdem ist in jedem Raum eine Medienstation vorhanden, die auf Englisch und Deutsch bedienbar ist. Lokal bezogen wurden einige Videos mit einem Comedian mit fränkischem Dialekt besetzt. Ich selbst konnte die Themen so weniger ernst nehmen. Dennoch zeigt diese Art von Darstellung, in welcher Gegend das Geburtshaus steht und wo Erhard seine Wurzeln hat. Zudem haben die Ausstellungstexte eine übersichtliche Länge, sie beinhalten für jeden Raum die prägnanten Informationen.
Die Person Ludwig Erhard wird in der Ausstellung teilweise verherrlicht. Er ist der Mann, der für jedes Problem eine Lösung hat. Dennoch sollten das Besucher:innen kritisch hinterfragen: Wer profitiert alles von dem Wirtschaftssystem? Wer sind die Mitglieder der Stiftung? In welchem Bundesland steht das Museum, von dem es mitfinanziert wird?
Ludwig-Erhard-Zentrum Fürth
Kuratierung: Daniel Koerfer
Gestaltung: neo.studio neumann schneider architekten, Berlin




















